Trackback

Manch einer hat es vielleicht schon bemerkt. Dank Ralf, der ein PlugIn gebastelt hat, ist das YaBlo jetzt nämlich fähig Trackbacks zu empfangen. Ein großes Dankeschön an Ralf!

Frontalschaden

Das ZDF scheint es sich wirklich zur Aufgabe gemacht zu haben, die Wurzeln aller gesellschaftlichen Übel endlich freizulegen und auszurrrotten. Die Häufung der Computerspiele betreffenden Berichte und Diskussionen mit Verweisen auf den Amoklauf in Erfurt ist schon ziemlich auffällig. Die einschlägig bekannte Frontal 21-Redation legte letzte Woche erneut mit einem entsprechenden Bericht nach, der die Ergebnisse der PISA-Studien mit dem Medienkonsum der Jugendlichen in Verbindung brachte. Das Ergebnis ist wiederum ein bunter, tendenziöser Mischmasch aus Theorien, Suggestionen und Binsenweisheiten. Zu letzteren gehört beispielsweise die Erkenntnis, dass Süchte etwas Negatives sind. „Übermäßiger Konsum“ impliziert ja bereits, dass krankhaftes Verhalten vorliegt, egal, ob es sich nun um Drogen oder aber auch Medien handelt.

Ebenso wenig ist unter den volljährigen PC-Spielern (der schweigenden, in Artikeln oder Berichten nie präsenten Mehrheit) umstritten, dass bestimmte Titel nicht für Minderjährige geeignet sind, so wie es Filme und Bücher gibt, die von Kindern nicht verstanden oder verarbeitet werden können oder konsumiert werden sollten, gilt dies eben auch für bestimmte PC-Spiele. Die völlige Ausblendung der volljährigen “Gamer” und die alleinige Konzentration auf Kinder als Zielgruppe der Hersteller führt unter anderem dann auch zur teilweise vorzufindenden Gesamtkriminalisierung als Verbrecher, die Minderjährigen Hass und Gewalt predigen. Medienkompetenz ist daher in erster Linie nicht oder nicht nur, wie von Werner Hopf im Artikel behauptet, von den Kindern gefordert, sondern besonders von den Erziehenden, die Süchte und Fehlentwicklungen bekämpfen müssen.

Soweit, so gut, aber natürlich nicht ausreichend als journalistischer und medienpädagogischer Weckruf für die Nation. Deswegen streicht man kurzerhand zwischendurch die Verweise auf übermäßigen (!) Gebrauch und es wird daraus schlicht: “Medienkonsum macht dumm” bzw. “Medienverwahrlosung”. Und eine etwaige Differenzierung zwischen verschiedenen Arten von Spielen, obwohl es ja auch eine wachsende Anzahl von Lernsoftware gibt bzw. bestimmte Genres wie Strategie- oder Adventurespiele sehr viel mehr fordern als das “stumpfe” Ballern, würde wohl zu kompliziert werden, stattdessen zielt das Ganze wie üblich allein auf die “Actionspiele”, die in der Vorstellungswelt der “Experten” eben ca. 98% aller Produkte ausmachen. Man meint Shooter, redet aber von Computerspielen.

Knallhart untermauert wird das dann mit dem bekanntlich immer Wahrheit verkündenden Kindermund “Der Mario, der spielt ziemlich viel Computer, der ist auch ziemlich süchtig, das merkt man.” Aber auch eine neurobiologische Erklärung, die auf erhöhtem Dopaminausstoß basiert, wird vorgebracht, womit man sich aber in logischer Konsequenz selbst in den Fuß schießt, sollten die vereinfachten Formeln stimmen. Denn ich würde dann ganz ketzerisch die These aufstellen, dass das Lernen am PC unter diesen Voraussetzungen prinzipiell sehr viel effizienter wäre als in der Schule: weniger Ablenkung durch Mitschüler, höherer Dopaminausstoß, ein immer gerechter und fairer Lehrer et cet. Das völlige Wirrwar an verschiedenen Thesen, die Mischung aus prinzipiell richtigen Aussagen und verfälschenden Vereinfachungungen wird spätestens an diesem Punkt an die Wand gefahren. Es stellt sich hier immer wieder die Frage, wie es denn um die Medienkompetenz derer, die solche Berichte verfassen und derer, die sich darauf beziehen, bestellt ist, also Journalisten und Politiker. Wie aus bloßen Behauptungen unbestreitbare Wahrheiten werden, solange sie nur oft genug wiederholt werden, hat man kurz nach Ausstrahlung des Berichtes beobachten können und zwar schon wieder bei meinem speziellen Freund JBK Petra Gerster meinte unter Bezugnahme auf Frontal 21:

“Und vor allem wir wissen ja auch die Ballerspiele, wie gefährlich die sein können nicht? Im Extremfall: Erfurt sag ich nur. Und deswegen denke ich müsste man sie wirklich verbieten.”

Genau, das wissen wir doch alle. So wie wir alle wussten, dass R. Steinhäusers Lieblingslied “School Wars” von Slipknot mit der Textzeile, die zur Ermordung von Lehrern unter Verwendung von Pumpguns auffordert, war. Das führte u.a. zu einem talkshowgebundenen Entrüstungsausbruch von Monika Hohlmeier, die den Tränen nah forderte, diese Dinge doch ENDLICH zu verbieten, weil es doch nun klar sein, welche Folgen es hat und außerdem zu einem Slipknot-Boykott durch die Musiksender. Dabei hätte 1 Minute Recherche bei google genügt, um herauszufinden, dass weder der Song noch die Textzeile außerhalb der Erbsenhirne einiger Boulevardjournalisten jemals existierten. Medienkompetenz?

Nicht übersehen sollte man den im Artikel zu findenden Literaturhinweis auf den Sammelband “Da spiel’ ich nicht mit!” Auswirkungen von “Unterhaltungsgewalt”, der eine wesentliche Grundlage für den Bericht geliefert zu haben scheint, tauchen doch einige der Autoren in beidem auf, außer Hopf z. Bsp. noch Michael Wallies, der die in ideologisch aufgeladenen Auseinandersetzungen immer nützliche Rolle des Konvertiten übernimmt, welcher im vorliegenden Fall durch den Erfurter Amoklauf “bekehrt” wurde.
Schon die Verlagsankündigung ist aufschlussreich und passt nahtlos in das eben erläuterte System des “wie man leicht sieht“-Konzeptes: “Pädagogen beobachten bei Jugendlichen zunehmend Verhaltensweisen von Rückzug, Distanz,
Sprachproblemen, Aufmerksamkeitsstörungen, Lernverweigerung bis hin zu Aggressivität – sicherlich auch verursacht durch den hohen Konsum von ‘Unterhaltungsgewalt’!”

Sicherlich!!! Gibt es bessere Beweise als ein Ausrufezeichen hinter einer Behauptung!!!!???
Im Inhaltsverzeichnis tauchen neben den bekannten Formulierungen “Erfahrungen eines Jugendlichen mit Killerspielen”, “„Jahre des Lebens verschwendet …“ auch noch einige einschlägige Bekannte auf. Unter anderem steuert der unvermeidliche Werner Glogauer einen Artikel bei, dessen Titel im Prinzip schon alles sagt: “Wie Kinder und Jugendliche durch Sexmedien und Pornographie zu Sexualtätern werden”. Dass Glogauer eher als Verschwörungstheoretiker durchgeht, der seine Agenda bis zum bitteren Ende auch unter Vernachlässigung jeglicher wissenschaftlichen Ansprüche durchficht, ist inzwischen auch schon einigen Kritikern aufgefallen (s.u.). Neben der ständigen Verwendung von Formulierungen wie “Studien belegen…” und diversen Prozentzahlen, ohne dass die Quellen dieser “Belege” genannt werden, deren Inhalt und Glaubwürdigkeit daher nicht überprüft werden kann, diskreditieren schon Kleinigkeiten diesen “Experten” als äußerst fragwürdig. Auf der Basis von 39 untersuchten Straffällen, bei denen 4 Täter den Einfluss von Medien erwähnten, stellt Glogauer u.a. die Behauptung auf, dass mehr als 10% aller Straftaten durch Medien verschuldet (!) würden. Weder die Auswahl der 39 Fälle, noch die Einschätzung der Glaubwürdigkeit dieser Aussagen (es kann sich ja durchaus auch um Schutzbehauptungen handeln, die wiederum genau auf dieses reproduzierten Bild der durch Medien verursachten Beeinflussung Bezug nehmen) wird schlüssig erläutert, ganz davon abgesehen, dass es völlig absurd und unseriös ist, auf dieser statistischen Basis, die nicht mal für die Beurteilung eines einzigen Gerichtsbezirkes ausreichen würde, Hochrechnungen für ganz Deutschland zu erstellen. Ich könnte ebenso behaupten, dass 100% meiner Computerspiele besitzenden Freunde noch nie ein Gewaltverbrechen verübt haben und könnte damit beweisen, dass Medien völlig ungefährlich wären. Das ist durchgehend symptomatisch für diese Debatten und Berichte, in denen aus pseudomoralischem Affekt das zu Beweisende gleich voraus- und Fakten durch Vereinfachungen und Mythen ersetzt werden.

Nach all den deprimierenden Links schließe ich mit einer ausdrücklichen Empfehlung für den Artikel von Ralf Kellershohn bei reticon, der als Grundlage für die obigen Ausführungen zu Glogauer diente und diese Thema auch weiter vertieft.

Annalen 1481

(Fol. 14b)

1481

Hat Freiberg einen trefflichen und jhemmerlichen schaden Feuers halben erliden, im Obent Jacobi in der zenden stunden umb essens, also das der minder teil der stadt schwerlich ist vorbliben. Die Sachsenstadt, Nonnenkloster und die Kirche der gebererin gots sein bliben, die andern alle in grund vordorben.

(Obent Jacobi = 25. Juli)

Robert Steinhäuser hätte sich gelangweilt

Dass die Berichterstattung über Computerspiele oft recht seltsame Blüten treibt, ist man ja inzwischen durchaus gewöhnt. Dennoch gibt es immer wieder Neuerungen , die auch mich als langjährigen Beobachter überraschen. Dazu gehört definitiv die obige Aussage als Verkaufsargument für das kürzlich erschienene und von Vielen heißersehnte “Half-Life 2”. In der Regel basiert die direkte oder – wie in diesem Fall – auch indirekte Kritik am Shooter-Genre ja eher auf moralischen Implikationen und einfachen Analogien (siehe auch die übrigen Beiträge zum Thema) und der “abstoßenden” Darstellung der Gewalt an sich. Eine auf den Inhalt, die Story der Spiele zielende Auseinandersetzung dürfte die Ausnahme sein, garantiert aber offensichtlich auch nicht, dass das Endergebnis wesentlich differenzierter und anregender ausfällt. Zumindest resultiert bei mir ein Satz wie:

Und wie unterscheidet es [HL1, Anm. v. mir] sich von seinem primitiven Ableger “Counterstrike”, das nach dem Amoklauf von Erfurt vielfach für die “Verdoomung” (Süddeutsche Zeitung) der Jugend verantwortlich gemacht wurde?

in körperlich spürbarem Verabschieden einiger Gehirnzellen, die zu Recht darauf verweisen, dass sie zu dieser Art Lektüre schlicht nicht notwendig seien. Uke Bosse, der nebenher einige eher fragwürdige angebliche Neuerungen wie realistische Physik gar das erstmalige Erreichen von Film- bzw. Literaturqualität bei HL 2 ausmacht, ist zumindest der erste mir bekannte Rezensent, der bei reinen Mutiplayerspielen die Abwesenheit einer Story als Kritikpunkt ausmacht. CS ist als dumpfer , primitiver und stumpfer angeblicher Ableger von HL wohl abgesehen vom durch die zu häufigen Wiederholungen wenig ansprechenden Stil kaum richtig kategorisiert, ebenso fehlt dort ja die gerade für die Verdoomung im SZ-Sinne so maßgebliche exzessive Gewaltdarstellung. Wichtige Details, deren Abwesenheit aber alles andere als untypisch ist.

Auf amüsante Art bemerkenswert finde ich weiterhin, wie auch im eher linken Umfeld des TAZ-Publikums in diesem Themenbereich die Reproduktion bestimmter Codeworte genügt, um sich verständigen zu können. So wie die durchschnittliche PC-Zeitschrift ihre Leser mit “20 Millionen Punkte im 3d-Mark” begeistert und der eher konservative Konsument der Springer-Presse sich an “Blutfontänen” und “erschossenen Schulmädchen” delektiert, muss man bei der TAZ offenbar nur “Orwell”, “Polizeigewalt” oder schlicht “Gesellschaft” erwähnen, um die Zielgruppe anzusprechen. Den Krokodilstränen über die durch die Gewaltspiele verrohende Jugend wird ein originär linkes Horrorszenario gegenübergestellt:

So werden wir von einem Polizisten gezwungen, eine Dose in den Müll zu werfen, da er behauptet, wir hätten sie fallen lassen.

Furchtbar, welch gräßliche Folgen die Globalisierung so mit sich bringt. Denn merke, solange Gewalt als Bestandteil eines Unterdrückungsapparates präsentiert wird, ist ihre Darstellung in Ordnung und sinnvoll. Zerplatzt hier ein Gegner in Tausend Stücke ist dies als feine Form der Gesellschaftskritik zu verstehen und legitimiert, während dasselbe Geschehen auf einer von Aliens überfluteten Marsstation eine verabscheuungswürdige Gewaltorgie ist. Somit ist die Verurteilung von CS durch Bosse eigentlich auch eher auf ein Mißverständnis zurückzuführen. Schließlich ist die Hintergrundstory ja dergestalt, dass ich zunächst als unbescholtener Terrorist einfach mit Freunden (einige davon noch in ihrer weißen Arbeitskleidung) meine allabendliche Runde Liebesskat spiele. In einer plötzlichen Manifestierung staatlicher Gewalt treten 6 uniformierte Repräsentanten des Schweinesystems die Türen meines Hauses ein und greifen uns ohne ersichtlichen Grund und völlig rücksichtlos unter Einsatz aller Mittel an. Selbst Granaten und prämoderne Folterinstrumente wie Messer werden dabei verwendet. Und da soll es nicht verständlich oder gar “dumpf” sein, wenn ich mir die zufällig herumliegende AK47 schnappe und unsere kleine Kommune verteidige? Also bitte!

In diesem Sinne möchte ich den TAZ-Lesern noch einige weitere persönliche Geheimtips vorstellen:

1. SiN
Ein großer (amerikanischer!!!) BioChemie-Multi produziert eine Droge, die Menschen zu Monstern und willfährigen Soldaten macht. Mastermind des Bösen ist dabei eine Frau (Emanzipation!).

2. Requiem
Nachdem der Mensch postaufklärerisch beschlossen hat, seinen Planeten zum Teufel gehen zu lassen, schickt Gott (!) einen Engel (!!) auf die Erde, der brutal mit übernatürlichen Fähigkeiten und Waffengewalt das Rad der Geschichte zurückdrehen will. Exemplarisch wird hier die Ruchlosigkeit und Verlogenheit der organisierten Religion (!!!) veranschaulicht.

3. Mortyr, Wolfenstein, Medal of Honor, Call of Duty et. cet.
Nazis abballern!!!

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