Annalen 1481

(Fol. 14b)

1481

Hat Freiberg einen trefflichen und jhemmerlichen schaden Feuers halben erliden, im Obent Jacobi in der zenden stunden umb essens, also das der minder teil der stadt schwerlich ist vorbliben. Die Sachsenstadt, Nonnenkloster und die Kirche der gebererin gots sein bliben, die andern alle in grund vordorben.

(Obent Jacobi = 25. Juli)

Robert Steinhäuser hätte sich gelangweilt

Dass die Berichterstattung über Computerspiele oft recht seltsame Blüten treibt, ist man ja inzwischen durchaus gewöhnt. Dennoch gibt es immer wieder Neuerungen , die auch mich als langjährigen Beobachter überraschen. Dazu gehört definitiv die obige Aussage als Verkaufsargument für das kürzlich erschienene und von Vielen heißersehnte “Half-Life 2”. In der Regel basiert die direkte oder – wie in diesem Fall – auch indirekte Kritik am Shooter-Genre ja eher auf moralischen Implikationen und einfachen Analogien (siehe auch die übrigen Beiträge zum Thema) und der “abstoßenden” Darstellung der Gewalt an sich. Eine auf den Inhalt, die Story der Spiele zielende Auseinandersetzung dürfte die Ausnahme sein, garantiert aber offensichtlich auch nicht, dass das Endergebnis wesentlich differenzierter und anregender ausfällt. Zumindest resultiert bei mir ein Satz wie:

Und wie unterscheidet es [HL1, Anm. v. mir] sich von seinem primitiven Ableger “Counterstrike”, das nach dem Amoklauf von Erfurt vielfach für die “Verdoomung” (Süddeutsche Zeitung) der Jugend verantwortlich gemacht wurde?

in körperlich spürbarem Verabschieden einiger Gehirnzellen, die zu Recht darauf verweisen, dass sie zu dieser Art Lektüre schlicht nicht notwendig seien. Uke Bosse, der nebenher einige eher fragwürdige angebliche Neuerungen wie realistische Physik gar das erstmalige Erreichen von Film- bzw. Literaturqualität bei HL 2 ausmacht, ist zumindest der erste mir bekannte Rezensent, der bei reinen Mutiplayerspielen die Abwesenheit einer Story als Kritikpunkt ausmacht. CS ist als dumpfer , primitiver und stumpfer angeblicher Ableger von HL wohl abgesehen vom durch die zu häufigen Wiederholungen wenig ansprechenden Stil kaum richtig kategorisiert, ebenso fehlt dort ja die gerade für die Verdoomung im SZ-Sinne so maßgebliche exzessive Gewaltdarstellung. Wichtige Details, deren Abwesenheit aber alles andere als untypisch ist.

Auf amüsante Art bemerkenswert finde ich weiterhin, wie auch im eher linken Umfeld des TAZ-Publikums in diesem Themenbereich die Reproduktion bestimmter Codeworte genügt, um sich verständigen zu können. So wie die durchschnittliche PC-Zeitschrift ihre Leser mit “20 Millionen Punkte im 3d-Mark” begeistert und der eher konservative Konsument der Springer-Presse sich an “Blutfontänen” und “erschossenen Schulmädchen” delektiert, muss man bei der TAZ offenbar nur “Orwell”, “Polizeigewalt” oder schlicht “Gesellschaft” erwähnen, um die Zielgruppe anzusprechen. Den Krokodilstränen über die durch die Gewaltspiele verrohende Jugend wird ein originär linkes Horrorszenario gegenübergestellt:

So werden wir von einem Polizisten gezwungen, eine Dose in den Müll zu werfen, da er behauptet, wir hätten sie fallen lassen.

Furchtbar, welch gräßliche Folgen die Globalisierung so mit sich bringt. Denn merke, solange Gewalt als Bestandteil eines Unterdrückungsapparates präsentiert wird, ist ihre Darstellung in Ordnung und sinnvoll. Zerplatzt hier ein Gegner in Tausend Stücke ist dies als feine Form der Gesellschaftskritik zu verstehen und legitimiert, während dasselbe Geschehen auf einer von Aliens überfluteten Marsstation eine verabscheuungswürdige Gewaltorgie ist. Somit ist die Verurteilung von CS durch Bosse eigentlich auch eher auf ein Mißverständnis zurückzuführen. Schließlich ist die Hintergrundstory ja dergestalt, dass ich zunächst als unbescholtener Terrorist einfach mit Freunden (einige davon noch in ihrer weißen Arbeitskleidung) meine allabendliche Runde Liebesskat spiele. In einer plötzlichen Manifestierung staatlicher Gewalt treten 6 uniformierte Repräsentanten des Schweinesystems die Türen meines Hauses ein und greifen uns ohne ersichtlichen Grund und völlig rücksichtlos unter Einsatz aller Mittel an. Selbst Granaten und prämoderne Folterinstrumente wie Messer werden dabei verwendet. Und da soll es nicht verständlich oder gar “dumpf” sein, wenn ich mir die zufällig herumliegende AK47 schnappe und unsere kleine Kommune verteidige? Also bitte!

In diesem Sinne möchte ich den TAZ-Lesern noch einige weitere persönliche Geheimtips vorstellen:

1. SiN
Ein großer (amerikanischer!!!) BioChemie-Multi produziert eine Droge, die Menschen zu Monstern und willfährigen Soldaten macht. Mastermind des Bösen ist dabei eine Frau (Emanzipation!).

2. Requiem
Nachdem der Mensch postaufklärerisch beschlossen hat, seinen Planeten zum Teufel gehen zu lassen, schickt Gott (!) einen Engel (!!) auf die Erde, der brutal mit übernatürlichen Fähigkeiten und Waffengewalt das Rad der Geschichte zurückdrehen will. Exemplarisch wird hier die Ruchlosigkeit und Verlogenheit der organisierten Religion (!!!) veranschaulicht.

3. Mortyr, Wolfenstein, Medal of Honor, Call of Duty et. cet.
Nazis abballern!!!

Annalen 1479

(Fol. 14a)

1479

Ist das groß Silber Creuz, welchs in sich hat 140 mark silber entlich vorbracht wurden.

1479

Am Sonntag mitfasten ist ein vortrag des lons halben, der tafel unser lieben frauen gesehen, welche gesthet 14 hundert Reinisch fl. Die zeit Amtmann Merten Römer, Burgermeister Paul Strodel, Kirchveter Thomas Filberer, Caspar Sangner.

(Am Sonntag mitfasten = 21. März)

Sonderzeichen unter GNU/Linux trotz nodeadkeys

Da ich gerade viel über Südfrankreich lesen und schreiben muss, benötige ich derzeit öfters Akzente (á, à, â). Da ich nodeadkeys als Tastaturlayout eingestellt habe, funktioniert der direkte Zugriff auf diese jedoch nicht. Es gibt zwar so schöne Sachen wie KCharSelect für KDE oder gcharmap für Gnome, allerdings ist das immer noch zu umständlich.
Einfacher sollte es folgendermaßen funktionieren: Shift+Alt_Gr (compose-Taste) drücken und loslassen. Der nächste Tastendruck sollte jetzt einen deadkey erlauben.
Funktioniert logischerweise auch mit anderen Sonderzeichen (ñ).

Nachtrag: Nach einer Neuinstallation bei mir haben sich die Tastatursettings geändert. Im KDE-Kontrollzentrum kann man unter den Regionalen Optionen/Tastaturlayout die xkb-Optionen aktivieren und dort eine Compose-Taste nach Wunsch einstellen. Mit dieser sollten dann die deadkeys anwählbar sein.

Annalen 1478

(Fol. 13b)

1478

Ist Halle eingenommen, Erstlich von den Bischoff von Meydeburgk geheissen Herzog Ernest.
Fiant dies eius et episcopatum ejus accipat alter.

1478

Ist erstlich gegen Zwigkau vorfuget durch den gestrengen Herrn Merten Römer das löblich warhaftig heiltum des heiligen Creuzes, welchs durch die Mutter Constantini Helena ir selbst aus grosser andacht hat lassen der massen, wie sichtig, fassen.

Now Shot, you are the greatest

Dieses angebliche “perverse Lob” für einen Mord ist Bestandteil eines der die Welt immer weiter an den Rand des Abgrundes treibenden “Gewaltspiele”, wie Recherchen der investigativen Reporter vom ZDF ergeben haben sollen. Jener Sendeanstalt also, die mit ihrer Berichterstattung am Tag des Amoklaufs von Erfurt durch den als Fußballkommentator wie als Talksowgastgeber gleichermaßen unerträglichen Johannes B. Kerner einen Tiefpunkt des Fernsehjournalismus erreichte. Vielleicht hat man sich deswegen nun den Kampf gegen die “menschenverachtenden” Spiele auf die Fahnen geschrieben und richtet sich auch ganz gezielt an das Stammpublikum mit der Warnung: “Rentner werden erschlagen”. Die thüringische Tragödie dient auch weiterhin als Aufhänger und Argument gegen die aktuelle Gesetzeslage, welche die ältere unsinnige Indizierungsregelung mit einer Alterfreigaberegelung ersetzt hat und somit für Erwachsene einen legalen Zugang zu diesen Medien eröffnet.
Perfekt ergänzt wird diese Art der Berichterstattung durch die Kenner der Materie kaum überraschende absolute Ahnungslosigkeit von Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm, der mit seinem Statement verrät, dass er weder den Unterschied zwischen Indizierung und Verbot bei der alten, noch den Inhalt und Sinn der neuen Gesetzeslage auch nur im Ansatz verstanden hat. Aber das ist auch nicht nötig, Hauptsache, man kann markig nach Veränderungen schreien.

Ähnlich wie der kürzlich diskutierte Artikel in der SZ gibt sich auch dieser Beitrag gar nicht mehr die Mühe, eine Korrelation zwischen virtueller und realer Gewalt bzw. die Auswirkungen überhaupt, stichhaltig zu belegen, nicht mal für den Erfurter Fall. Es wird wiederum einfach vorausgesetzt, dass der Leser/Zuschauer sich dies sowieso denkt und das das schon so stimmen wird, weil man ja sieht, wie brutal die Spiele sind. Zu guter Letzt darf dann natürlich auch der unvermeidliche Kommentar von Günther Beckstein nicht fehlen, der gleich ans Eingemachte gehen und die Herstellung der Spiele verbieten will. Klingt nach einem interessanten Projekt, einer Art Vorzensur, bei dem dann wohl bayrische LKA-Beamte über Jahre hinweg in den Entwicklerstudios hospitieren und nach Möglichkeit die ganze Mannschaft nach der Kreation eines ersten Blutpixels verhaften. Oder die Spielkonzepte werden persönlich bei Herrn Becksteins Bundesschrifttumskammer eingereicht und entweder genehmigt bzw. alternativ der Betreffende wegen seiner gewalttätigen Phantasie in ein Besserungslager eingewiesen. Für den ZDF-Autor Rainer Fromm empfehle ich hingegen erstmal einen Englischkurs.

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