Der yablo-CD-Tip der Woche

Für mich verknüpft sich Musik sehr oft mit bestimmten Lebenssituationen, die, wenn man dieselben Songs Jahre später erneut hört, wieder aus dem Gedächtnis aufgerufen werden und die Erinnerungen an beispielsweise ein bestimmtes Buch, eine Reise oder das nächtliche Sitzen auf der Fensterbank mit Walkman (für die Jüngeren: ein Mp3-Player der Antike) zurückbringen. Meist muss man dafür allerdings auch Zeit und Aufmerksamkeit investieren, bei nur nebenbei gehörter Musik scheint das Ganze nicht so recht zu funktionieren. Als ich vor 2 Jahren einige Wochen im Archiv-Magazin saß, um Akten zu bewerten, hatte ich auf meinem Mp3-Player u.a. die CD “The art of navigating by the stars” von Sieges Even. Und an das damalige “Wühlen” in den Lebensgeschichten anderer Menschen muss ich jetzt jedesmal wieder denken, wenn ich diese Songs höre.

Das wiederum geschieht recht häufig, denn es handelt sich hier um nichts weniger als ein absolutes Meisterwerk des progressiven Metal, auch wenn diese Klassifizierung der Vielschichtigkeit der Musik eigentlich auch nicht wirklich gerecht wird. Härtere Passagen werden nämlich eigentlich eher an den passenden Stellen eingestreut und sind nicht wirklich ein prägendes Stilelement. Getragen werden die Songs musikalisch vor allem vom perfekten Zusammenspiel cleaner Gitarrenarrangements mit vertrackten Bassläufen und komplexem Schlagzeugeinsatz. Keyboards gibt es überhaupt nicht, aber sie sind auch nicht notwendig, weil die rythmisch und melodisch extrem anspruchsvollen Kompositionen derart abwechslungsreich sind. Und das für mich gerade in diesem Bereich immer besonders Wichtige: obwohl technisch auf höchstem Niveau gespielt wird, sind die Melodien irgendwie eingängig und wiedererkennbar. Hier muss niemand mehr beweisen, wie schnell er Solos im 13,5/7-Takt spielen kann, die Virtuosität der seit Jahrzehnten aktiven Musiker befähigt sie zu einem souveränen Umgang mit ihren Möglichkeiten. Vielleicht hat auch die Tätigkeit der Holzwarth-Brüder (Bass und Schlagzeug) für Bands wie Rhapsody und Blind Guardian hier seine Spuren hinterlassen. Nicht zuletzt ist es aber der neue Sänger Armin Menses, dessen zum Teil mehrstimmigen Gesangslinien der Musik eine ganz besondere Atmosphäre verleihen.

Nicht zuletzt ist “The Art…” für mich eines der am besten produzierten Alben, die ich je gehört habe. Gerade im Vergleich mit dem stilistisch ähnlichen “A Sense of Change” merkt man, wie unheimlich wichtig eine ausgewogene und gleichzeitig extrem druckvolle Produktion ist, um all die Details der Arrangements mitzubekommen. Man hört wirklich JEDES Instrument und jeden Ton, auch die Bassgitarre ist endlich wieder mal als eigenständiges Instrument präsent, das nicht in einem allgemeinen Klangbrei untergeht. Als Anspieltip sei “Unbreakable” empfohlen, zu finden auf der myspace-Seite der Band.

Nachdem mich diese CD derart begeisterte, war ich einerseits gespannt auf den Nachfolger Paramount und andererseits auch ein wenig ängstlich, ob dieses Niveau gehalten werden kann. In der Tat brauchte ich für das letzte Werk ein wenig länger, obwohl es insgesamt vielleicht sogar noch einen Ticken eingängiger ist. Inzwischen stelle ich beide Alben aber auf eine Stufe, wobei sich auf “Paramount” mit Eyes Wide Open sogar mein definitiver Lieblingssong beider Werke befindet, den man fast schon als kommerzielle Powerballade bezeichnen könnte. Das ist aber alles andere als abwertend gemeint, der zum Niederknien schöne Refrain verschafft mir auf jeden Fall jedesmal wieder Gänsehaut.

Wer also auch nur ein bißchen Interesse an progressiver Rock/Metal-Musik hat, MUSS hier einfach wenigstens einmal reinhören (aber das reicht nicht wirklich).

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