Best of both worlds

Aus aktuellem Anlass (die Kommentare, nicht der Eintrag selbst) will ich einen der Gründe, warum Diskussionen zwischen naturalistisch Argumentierenden und “Gläubigen” nur begrenzt Sinn machen, etwas ausführlicher erläutern. Er ist eng verbunden mit einer fast schizophrenen Haltung zu den Methoden der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung und zu rationalen Diskursen. Den meisten ist durchaus bewußt, dass alles, was wir über die Realität und das Funktionieren der Welt wissen (auch wenn es nur vorläufig ist), auf Basis dieser Methoden entdeckt wurde oder mit ihnen zumindest kompatibel ist. Das Etikett “wissenschaftlich bewiesen” (so falsch es in Wahrheit auch ist) möchte daher jeder gern für seine Weltsicht erwerben, ebenso möchte er durch logische Beweisführung überzeugen, da die Zeiten, in denen Autorität (des Familienvorstandes, Pfarrers, Papstes usw.) oder Tradition allein als wahrheitsgenerierend gelten, in vielen Gegenden (bei weitem nicht allen), doch weitgehend vorbei sind.

Beginnt man allerdings im Rahmen einer beliebigen Debatte damit, beispielsweise wissenschaftliche Studien zu zitieren, um die eigene Position zu untermauern, bedeutet dies, dass man sich den Rahmenbedingungen der wissenschaftlichen Methodik “unterwirft” bzw. sie für fähig hält, tragfähige Argumente zu generieren. Das bringt jedoch mit sich, dass sich diese “Waffe” auch gegen die eigene Argumentation einsetzen lässt, wenn nämlich der Gesprächspartner nicht einfach vor dem Zitat wissenschaftlicher “Beweise” einknickt, sondern Nachforschungen anstellt. Dabei kann es sich dann schnell als fatal herausstellen, dass man die grundlegende Studie gar nicht wirklich im Original gelesen hat, sondern sie nur aus der Sekundärliteratur, die zumeist bereits ideologisch gefärbt ist, kennt. Und da wird nicht selten aus: “Aufgrund unserer vorläufigen Ergebnisse gehen wir davon aus, dass X die Ursache für Y sein könnte, wobei weitere Forschungen, vor allem unter Berücksichtigung von Z, notwendig sind.” die Kurzversion: “Wissenschaftler beweisen: X ist die Ursache für Y!”. Es kann also gut sein, dass die Forscher ihre Ergebnisse sehr viel vorsichtiger formuliert haben, als es für einen “Beweis” nötig wäre, ebenso kann die Untersuchung Mängel aufweisen: zu geringe Personenzahl oder nicht repräsentativ ausgewählte Teilnehmer, keine Kontrollgruppen, die Ergebnisse stehen im Widerspruch zur Mehrzahl anderer Studien, es handelt sich nicht um eine den aktuellen Forschungsstand widergebende Untersuchung und vieles mehr. In der wissenschaftlichen Fachliteratur wird auf der Basis dieser und ähnlicher Kritikpunkte ja auch durchaus kontrovers diskutiert.

Weist man den Gesprächspartner auf derartige Dinge, die seine Belege betreffen hin, sind zwei Reaktionen möglich. Ein wirklich an wissenschaftlicher Argumentationsführung Interessierter wird sich angesichts der neuen Beleglage revidieren und evtl. seine Meinung zu einem bestimmten Punkt ändern (auch wenn es schwer fallen mag). Wer aber in Wahrheit grundsätzlich auf irrationaler Basis steht, wird sich auf diese zurückziehen. Ihm ging es von vornherein nämlich nur darum, seine als wahr vorausgesetzte Ansicht wissenschaftlich zu unterfüttern, aber eben nur solange, wie “die Wissenschaft” seine Sicht zu unterstützen schien.

Anhand einiger Beispiele lässt sich dies vielleicht am besten deutlich machen. In letzter Zeit habe ich einige Male über die Familienpolitik, die sich die Schaffung einer größeren Zahl von Kindergartenplätzen zum Ziel gesetzt hat, diskutiert. Dies wurde kritisiert, weil die Hirnforschung herausgefunden hätte, dass Kinder am besten von ihren Müttern erzogen werden müssen. Bezug wurde dabei auf die Arbeiten von Christa Meves genommen, die ich mir daraufhin in Ausschnitten angesehen habe. Mever vertritt ausgeprochen konservative Erziehungsideale, lehnt jegliche Kollektivbetreuung als unnatürlich ab, desgleichen auch Homosexualität und Hardrock und malt das übliche Horrorszenario des untergehenden Abendlandes an die Wand, für das atheistische Regierungen und die 68er verantwortlich sind. Sie interpretiert die Ergebnisse der Hirnforschung sehr gezielt für sich: aus den Erkenntnissen darüber, dass die ersten Lebensjahre für die Gehirnentwicklung sehr wichtig sind und Kinder Anregung und Bezugspersonen brauchen, folgt eigentlich nicht zwangsläufig, dass dies die Mutter sein muss. Für Meves allerdings schon, weil dies die natürliche Aufgabe der Mutter sei. Fast belustigend fand ich, dass sie vehement auf die Relevanz von Erkenntnissen aus der Tier- bzw. Primatenforschung setzt (wobei Homosexualität und Kollektiverziehung im Tierreich ja ebenfalls vorkommen, aber ignoriert werden) den Mensch aber als gesondertes Geschöpf Gottes versteht.
Wie kann man im gleichen Buch darauf verweisen, dass die Gene von Mensch und Schimpanse zu 98% identisch sind und einige Seiten später betonen, dass beide natürlich nicht miteinander verwandt wären?!

Ich habe also auf einige Widersprüche hingewiesen, auch darauf, dass es durchaus andere Meinungen gibt und Frau Meves nicht gerade die Mehrheitsmeinung in ihrem Fachgebiet vertritt, ohne dass ich mir natürlich anmaßen würde, hier selbst klare Erkenntisse zu haben. Die Reaktion war aber bezeichnend: dass die Mutter die Kinder erzieht, ist biblisch und von Gott in der Schöpfungsordnung so vorgesehen. Punkt. Das illustriert den Punkt, um den es geht: in Wahrheit ist es völlig egal, ob wissenschaftliche Erkenntnisse meine Meinung unterstützen oder nicht, ich werde sie nutzen, wenn sie für mich sprechen und ignorieren, wenn sie es nicht tun.

Auch im von mir rezensierten BUch von Christian Ullmann über Alternativmedizin findet sich eine vergleichbare Argumentation. Für alternative Methoden positiv verlaufene Studien werden mit Vorliebe zitiert, während gleichzeitig präventiv der Wissenschaft abgesprochen wird, diese Methoden eigentlich richtig untersuchen zu können, weil sie doch einen viel zu eingeschränkten Blickwinkel habe. Welchen Sinn soll es haben, hier eine Diskussion über die Qualität und den Wert dieser Studien zu führen, wenn es doch sowieso egal ist, ob es positive Ergebnisse gibt oder nicht, weil in Wahrheit die eigentlich zu untersuchende Frage bereits mit “Diese Methoden funktionieren!” beantwortet und vorausgesetzt wird?

Oder, um wieder an den Ausgangspunkt zurückzukommen, warum soll man eine Diskussion darüber führen, ob Sterbehilfe den Wert menschlichen Lebens herabsetzen könnte, ob es zunehmenden Druck auf ältere Menschen gäbe, sich doch lieber zu töten, anstatt sich zu quälen/anderen zur Last zu fallen und darüber, ob diese Dinge evtl. gesetzlich regelbar sind, wenn man doch von vornherein weiß, dass der andere die Auffassung vertritt, dass kein Mensch das Recht hat, sein von Gott geschenktes Leben selbst zu beenden? In Wahrheit handelt es sich um Debatten, bei der eine Seite in einem zirkelschlüssigen System argumentiert, dem Gesprächspartner aber nichtsdestotrotz anbietet, kontrovers diskutieren zu wollen, um die Gegenargumente im Zweifelsfall mit dem Verweis darauf abzubügeln, dass die frecherweise ja den eigenen Grundvoraussetzungen widersprächen, also nicht richtig sein können.

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