Sachsen in den Grenzen von 1484!

Auch nett gemeinte Aussagen können schmerzen: neulich wurde ich in Berlin wegen meines angeblich nicht so stark ausgeprägten Dialektes als Sachsen-Anhaltiner verunglimpft. Die sehr wahrscheinlich als Kompliment gemeinte Bemerkung musste ich natürlich mit einem kleinen Exkurs in die sächsische Geschichte beantworten, der deutlich macht, dass der sogenannte “Freistaat” Thüringen sowie die klägliche und künstliche Nachkriegskonstruktion Sachsen-Anhalt in Wahrheit natürlich unter wettinische Herrschaft und somit zu Sachsen gehören. Vielleicht sollte man eine Sachsenpartei gründen?

Schtonk 2 - the British Empire strikes back

Der für die Uni Leipzig Honorarprofessor tätige Michael Vogt sorgte durch sein Mitwirken an mehreren historisch “zweifelhaften” Filmen und seine Kontakte zur rechtsextremen Szene im letzten Jahr für einige Aufregung, die letztlich auch zur erzwungenen Beendigung seiner Arbeit führte. Vogt gerierte sich anschließend aus nachzuvollziehenden Gründen als Opfer politischer Machenschaften, da seine Filme, speziell über den Englandflug des Führerstellvertreters Heß und über Kriegsverbrechen der Alliierten, auf angeblich “echten und unwiderlegten Dokumenten” beruhen würden. In einem Interview mit dem aus ähnlichen Gründen mit Vorsicht zu genießenden Onlinemagazin Blaue Narzisse ließ Vogt kaum eines der bekannten Schlagwörter wie “Inquisition”, “Volkspädagogik” und “mediale Hinrichtung” aus, nicht einmal Martin Luther oder Rosa Luxemburgs leider nicht vor ständigem Mißbrauch schützbares Zitat zur Freiheit des Andersdenkenden war vor ihm sicher.

Nun erscheinen allerdings gerade die grundlegenden Dokumente in einem gänzlich neuen Licht. Entdeckt und in entsprechend reißerischen Büchern verwertet hatte sie der britische Historiker Martin Allen, der im Falle Heß behauptete, der Ärmste habe einen ehrlichen Frieden aushandeln wollen, sei aber gemeinsam mit Hitler von den Engländern in eine Falle gelockt worden,. Die Briten hätten der deutschen Führung suggerieren wollten, dass eine Palastrevolution gegen Churchill im Gange und England dann zum Frieden bereit sei. Damit sollte ein deutscher Angriff auf Russland befördert werden, der automatisch eine geringere direkte Bedrohung für England bedeutet hätte. Allens neuestes Buch beschäftigt sich erneut mit einer sensationellen Entdeckung im Kontext des Dritten Reiches, nämlich den angeblichen Beweisen dafür, dass Himmler sich keineswegs selbst umbrachte, sondern er durch die Engländer getötet wurde, damit ihre Kontakte mit Himmler, den sie seit 1943 gegen Hitler in Stellung zu bringen versuchten, nicht an die Öffentlichkeit gerieten. Auch für diese These legte Allen neuentdeckte Dokumente vor, eines davon stammte aus der Feder von Brendan Bracken, Informationsminister unter Churchill und einflussreicher Gründer der Financial Times. Einem Reporter der Zeitung fiel zunächst der wenig zu Bracken passende Schreibstil auf und er stellte Nachforschungen an, die unter anderem ergaben, dass Teile der Schreiben mit einem Laserdrucker (!) hergestellt worden und demnach sicher gefälscht waren. Die Untersuchungen wurde dann auf weitere von Allen verwendete Dokumente ausgedehnt. Das erschreckende Ergebnis:

In all, there were 29 forged documents, each typed on one of only four typewriters. They were placed in 12 separate files, and cited at least once in one or more of Allen’s three books. In fact, according to the experts at the Archives, documents now shown to be forgeries supported controversial arguments central to each of Allen’s books: in Hidden Agenda, five documents now known to be forged helped justify his claim that the Duke of Windsor betrayed military secrets to Hitler; in The Hitler/Hess Deception, 13 bogus papers supported Allen’s contention that, in 1941, British intelligence used members of the Royal Family to fool the Nazis into thinking Britain was on the verge of a pro-German putsch; in Himmler’s Secret War, 22 counterfeit papers also underpinned the book’s core claims that British intelligence played mindgames with Himmler to encourage him to betray Hitler from 1943 onwards, and that ultimately they murdered the SS chief.

None of these forged documents was cited in any other works of history.

Auch wenn die “unwiderlegbaren” Dokumente damit wohl alles andere als glaubwürdig sind, bleiben leider die Fragen danach, wie es sein kann, dass diese Fälschungen in den offiziellen Aktenbestand gelangten. Gegen Allen wird nicht prozessiert, was mit seinen Gesundheitsproblemen begründet und sicher einfach wieder neue Verschwörungstheorien in Gang setzen wird.

Master of Puzzles

Ungefähr 8 laufende Aktenmeter an Beständen verschiedener sächsischer Amtshauptmannschaften – in fliegenden einzelnen Blättern. Damit schlage ich mich im Moment herum und auch wenn manchmal zusammengehörige Seiten nebeneinander liegen, ist dies oft auch wieder nicht der Fall und man findet sehr viel später eine Ergänzung zu einem eigentlich bereits aussortierten Vorgang. Auch thematisch oder zeitlich gibt es keinerlei Sortierung, neben einer Dismembration aus dem Jahre 1740 liegen Planvorgaben für Betriebe von 1952 (der Eingeweihte wird merken, dass dies außerdem bedeutet, dass selbst die Zuordnung zu den Amtshauptmannschaften nicht in jedem Fall korrekt ist und auch andere Bestände betroffen sind). Der positive Aspekt ist, dass es nie langweilig wird und man immer wieder etwas dazu lernt: einige Schriftstücke bezogen sich auf eine Heimbürgerin und ich hielt sie zunächst für eine quasi auf Gemeindekosten lebende Dame, also eine Art Wohlfahrtsempfängerin, schließlich handelte es sich um Akten aus dem Jahr 1907. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass es um diese Zeit tatsächlich noch das Amt des Heimbürgers bzw. direkte Heimbürgerbezirke gab, das auf hochmittelalterliche Wurzeln zurückgeht. Der Vorgang endete auch eher unsanft mit einer Strafverhängung, weil die gute Frau ohne Erlaubnis aus ihrem Bezirk weggezogen war. :)

BAFÖG-Amt, Krankenkasse und Rentenversicherung...

…können sich nach einer kurzen Unterbrechung wieder darauf freuen, mich auszubluten. Auch in diesem Jahr erlaubt mir der Freistaat Sachsen wieder gnädig einen Griff in seinen prallgefüllten Steuersäckel, denn bald darf ich wieder per Werkvertrag im Staatsarchiv Chemnitz in unerschlossenen Aktenbeständen wühlen. Noch weiss ich nicht, was genau diesmal zu bearbeiten sein wird, aber die letzten beiden Jahre waren auf jeden Fall sehr interessant. Personalunterlagen von Beamten, vor allem Lehrern, aus der Zeit von ca. 1900-1950 sind äußerst spannend, da sie gleich mehrere politische/ideologische Brüche (1918, 1933, 1945) und ihre Auswirkungen dokumentieren. Auch die Akten von Gesundheitsämtern stellen, besonders im Hinblick auf die massenhafte Zwangssterilisierung bis hin zur Euthanasieaktion T4 sowohl lehrreiche als auch ungemein bedrückende und erschreckende Quellen dar. Informative Handbücher und Fachliteratur sowie gut gemachte Dokumentationen sind eine Sache, aber wenn man im originalen Schriftwechsel nachvollziehen kann, wie Menschen, deren Leben durch die Akten ja zumindest ausschnittsweise repräsentiert wird, letztendlich ermordet wurden, ist dies doch ein viel tieferer Zugang (ähnlich verhält es sich mit Todesmeldungen aus Auschwitz).
Im letzten Jahr drehte sich der Großteil der Arbeit dann um Wirtschaftsüberlieferungen aus der ehemaligen DDR, ein anderes Feld, aber durchaus nicht weniger interessant, gerade was die erste Dekade nach Kriegsende betrifft. Ich hoffe, dass ich meine bisherigen schriftlichen Ansätze endlich mal in ausführlichere Blogeinträge zu den einzelnen Beständen und Inhalten umformulieren kann. :-)

Roots of evil

Glaubwürdige hochrangige Quellen aus Politik, Medien und dem Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen haben uns kürzlich inoffiziell bestätigt, was wir schon immer vermuteten und worüber wir regelmäßig ausführlich berichtet haben: am 22.11.2007 um 5.45 werden Egoshooter, Heavy Metal und Rapmusik den Untergang des Abendlandes herbeiführen. Es sei denn, es gelingt und noch rechtzeitig, die Konsumenten dieser “Medienprodukte” per Bundestrojaner ausfindig und unschädlich zu machen. Schon oft wurde spekuliert, dass die schleichende Infiltrierung schon viel länger vor sich geht und dass sie außerdem im Lande der Unkultur ihren Ursprung hat. Was soll man schon von einer Nation erwarten, die nicht mal Karneval oder Jürgen Drews kennt und das Oktoberfest als jährliches Treffen der überlegenen deutschen Philosophen nur billig imitieren kann?

Fortschrittliche Kräfte haben all dies schon vor über 50 Jahren erkannt und rechtzeitig im Keim erstickt, wie die Karl-Marx-Städter Volksstimme vom 1.5.1954 auf ihren Leserbriefseiten berichtet:

Kommt denn nun endlich etwas Schwung hinein in den Kampf gegen Samba, Boogie-Woogie und wie diese blödsinnige Tanzmusik noch heißen mag? Es wird höchste Zeit! Wäre es nicht auch möglich, die Sache beim Staatlichen Rundfunkkomitee zur Sprache zu bringen? Es ist doch bald nicht mehr mit anzuhören wenn sogenannte Schlagerkomponisten, Schlagersanger und Schlagerlotterien die Nerven der Hörer mißhandeln. Haben denn Lehar, Stolz, Strauß, Zeller, Lanner usw. umsonst gearbeitet?
F.H. aus KMS

Sido, Bushido, 50 Cent? Marylin Manson, Slipknot und Lordi? Alles Waisenknaben gegen die wahre Inkarnation des Bösen, die Söhne Luzifers: Karl Walter und Karl Schmidt!

Die Arbeiterjugend siegte über Karl Walter!

Bis vor kurzem trieb die Kapelle Karl Walter mit ihrer die Gangster-„Kultur” verherrlichenden Musik unter unserer Jugend ihr Unwesen. Durch zahlreiche Proteste wurde das Wiederauftreten
dieser Radaukapelle für immer unmöglich gemacht. An dem 2. April, an dem Walter im Gasthof Neustadt erneut provozieren wollte, erklangen statt Wildwest – Melodien fröhliche Jugend-lieder. Aus Betrieben und Schulen von Karl-Marx-Stadt trafen sich Freunde, die begeistert den Darbietungen der Kulturgruppe vom VEB Büromaschinenwerk und griechischer Freunde, die Tänze ihrer Heimat zeigten, folgten und schließlich feste das Tanzbein schwangen. Der ganze Abend war von Frohsinn und Freundschaft durchdrungen. Wahrlich ein echter Sieg über Karl Walter und seine Unkultur!
Es wäre zu begrüßen, wenn die FDJ mehr solcher Jugendabende veranstalten würde, denn je besser die FDJ das fröhliche Jugendleben entfaltet, um so schneller werden die „Sambaboys” von unseren Tanzsälen vertrieben.
R.Z., G.K.

Wie gefährlich diese Ungeist war, zeigt sich daran, dass er sogar zwischen den auf den einzig wahren Standpunkt der ruhmreichen Arbeiterklasse (ein halbe Jahr vorher war es der des ruhmreichen Genossen Stalin) stehenden Journalisten Unfrieden stiften konnte:

Sehen wir uns die Kapelle Karl Schmidt an ..

Sie spielte neulich In der Wasserschänke Röhrsdorf. Keine Tour Walzer, nur einmal langsamer Walzer, nur einmal Tango, sonst nur Jazz. Es fehlte außer dem Manhattan-Boogie keine Amimusik, doch da sagt man nichts! Warum?

Irrtum, Volkskorrespondent G. D. vom VEB Kaltverformung Altendorf — er schrieb uns diese Zeilen —, wir werden dazu etwas sagen! Die Tanzmusik-Diskussion, die fortgesetzt werden wird, beenden wir mit einer Stellungnahme der Kulturredaktion „Volksstimme”!

Leider ist diese Stellungnahme nicht überliefert, aber wir können sicher sein, dass sie die Existenz der DDR für die nächsten 35 Jahre gesichert hat.

Morgen in dieser Serie: wie CIA-Agent David Hasselhoff den antifaschistsichen Schutzwall zum Einsturz brachte.

Das Märchen von den magischen drei Punkten

Die Beschäftigung mit den Randgebieten der Pseudo- und Alternativwissenschaften birgt für den Historiker den Vorteil einer Unzahl von Beispielen für gefälschte oder manipulierte Quellen. Viele sind exemplarisch dafür, wie man NICHT arbeiten sollte. Es sei denn, man möchte – wie in diesen Bereichen natürlich der Fall – seine Sichtweisen auf Biegen und Brechen “beweisen” und findet ein entsprechend vorgeschädigtes Publikum. Besonders gern verwendet der Crank (respektive Psychopath) “offizielle” Quellen, obwohl er sonst mit größter Vehemenz gegen alles Offizielle kämpft, es in der Regel sogar genügt, entsprechende Aussagen, die nicht ins eigene Konzept passen, als Mainstream zu bezeichnen um es in den Augen der bewundernden Anhänger zu diskreditieren.

Die Logik scheint einfach: wenn sogar die Mainstream-Quellen mich bestätigen, muss die Faktenlage ja nun wohl völlig eindeutig FÜR mich sprechen. Deswegen zitieren Antisemiten Juden, Holocaustleugner bekannte Historiker, Leugner der Realitivitätstheroie Einstein und Kryptohistoriker durchaus auch aus Original-Quellen. Allerdings kann man eben auch wörtlich korrekt zitieren und trotzdem den Sinn und Kontext einer Aussage komplett verfälschen.

Ein “schönes” Beispiel enthält die Patientenerklärung einer deutschen Impfgegnergruppe. Letztere ist relativ eng verbandelt mit der Germanischen Neuen Medizin des R.G. Hamer, die soeben ein erneutes sinnloses Todesopfer in Italien gefordert hat.
Diese Erklärung enthält einen Bezug auf einen Artikel von Sieghart Dittmann über Impfrisiken (Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz
2002 · 45:316–322). Dass dieser ehemals stellvertretender Vorsitzender der Ständigen Impfkommission war, wird noch einmal deutlich hervorgehoben. Das Autoritäts-Argument funktioniert nämlich durchaus, solange es FÜR den Pseudowissenschaftler spricht.

Der zitierte Abschnitt erweckt nun den Eindruck, als gäbe es quasi keinerlei gesichertes Wissen darüber, ob Impfungen wirklich helfen und wie riskant sie eventuell sein können. Genau dies wird dann unter Punkt 3 auch geschlussfolgert:

Aufgrund dieser Veröffentlichung ist die Nutzen-Risiko-Abwägung für die o.g. Schutzimpfung für mich / uns nicht möglich, so dass ich / wir keine rechtswirksame Einwilligung für die o.g. Schutzimpfung geben.

Man müsste den zitierten Artikel allerdings gar nicht sehr weit lesen, um genau diese Abwägung thematisiert zu sehen. Nämlich genau bis zum Titel. Dieser lautet: “Risiko des Impfens
und das noch größere Risiko, nicht geimpft zu sein”. Dadurch, dass man u.a. einige Sätze auslässt, genauer:

...Es ist durchaus möglich, dass diese meist als Einzelfall (Kasuistik) berichteten möglichen Komplikationen eher zufällig in zeitlicher Koinzidenz mit der Impfung auftraten. Zwei Drittel der von den Expertenkomitees des Instituts für Medizin der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften analysierten möglichen Komplikationen nach Schutzimpfungen des Kindesalters konnten ursächlich weder zugeordnet noch ausgeschlossen werden.

werden dem Leser wichtige Informationen vorenthalten.

Im Kontext wird klar, dass einerseits die Fallzahlen sehr gering sind (was für die Risiko-Nutzen-Abwägung eigentlich sehr wichtig wäre) und es andererseits einige Unterschiede zwischen modernen westlichen Staaten und Entwicklungsländern gibt, was die Kontrolle einer Impfkampagne, das Verständnis der Zusammenhänge und die entsprechenden Rückmeldungen betrifft. Daraus entstehen die benannten Unsicherheiten bezüglich der gemeldeten Impfschäden, NICHT des Erfolges der Impfungen. Grundsätzlich gibt es keinerlei Zweifel an der Effizienz von Impfungen, ohne dass Risiken von Impfschäden 100%ig ausgeschlossen werden können, allerdings sind die Risiken im Vergleich zur Schutzwirkung so gering, dass es bei halbwegs vernünftiger Betrachtung überhaupt keine Frage sein DARF, wie die entsprechende Analyse ausfällt.

Lateinkurs

National Archives hat einen kleinen praktischen Lateinlernkurs online gestellt. Ein Latinum ist damit zwar nicht drin, aber um einige kleinere Sachen übersetzen zu können, ist es durchaus geeignet. Vorkenntnisse sind laut eigenen Angaben nicht notwendig; dafür aber ein installiertes Flashplugin für die praktischen Übungen und Englischkenntnisse, da der Kurs in selbiger Sprache ist.

Sehr nett.

(via: EMN)

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