Counterstrike

Eine in ihrer Stringenz und überzeugenden Darstellung auf den ersten Blick verblüffend naheliegende Gegenanalyse zum alltäglichen Geschrei über die Verblödung der Massen durch TV und Computerspiele bietet ein Artikel von Steven Johnson in der New York Times (kostenlose, sich definitiv lohnende Registrierung erforderlich). Er weist anhand moderner und überaus populärer Shows wie “Emergency Room”, “The Sopranos” oder “24” nach, um wieviel höher die Anforderungen an die Zuschauer im Vergleich zu älteren Klassikern sind. Eine große Zahl von parallelen Handlungen, Referenzen zu aktuellen politisch-sozialen Diskussionen oder älteren Folgen, schnellere Dialoge und vieles mehr belegen, dass die simple These, dass wir in den angesprochenen Medien nur das Beispiel einer zwangsläufigen Abwärtsspirale hin zu Kulturlosigkeit, Dummheit und Gewaltverherrlichung sehen müssen, nicht so stichhaltig und logisch ist, wie ihre weite Akzeptanz nahelegt. Der Schwerpunkt liegt zwar bei TV-Serien, aber auch die Erfahrungen, die viele Zuschauer dank Internet und moderner PC-Spiele besitzen, gehören nach Johnson zu den Gründen für diese Entwicklung:

The economics of television syndication and DVD sales mean that there’s a tremendous financial pressure to make programs that can be watched multiple times, revealing new nuances and shadings on the third viewing. Meanwhile, the Web has created a forum for annotation and commentary that allows more complicated shows to prosper, thanks to the fan sites where each episode of shows like ‘’Lost’’ or ‘’Alias’’ is dissected with an intensity usually reserved for Talmud scholars. Finally, interactive games have trained a new generation of media consumers to probe complex environments and to think on their feet, and that gamer audience has now come to expect the same challenges from their television shows. In the end, the Sleeper Curve tells us something about the human mind. It may be drawn toward the sensational where content is concerned—sex does sell, after all. But the mind also likes to be challenged; there’s real pleasure to be found in solving puzzles, detecting patterns or unpacking a complex narrative system.

Wir können auch anders

Unsere speziellen Freunde von Frontal 21 sendeten -”passend” und auch explizit so angekündigt- zum “Jahrestag” des Amoklaufes von Erfurt wieder einen vor den Gefahren der Computerspiele warnenden Beitrag. Weiterhin wird also ohne jegliche Rückendeckung durch Fakten impliziert, dass dem Spielekonsum des Täters ein entscheidender Teil der Schuld zuzuschreiben ist. Neu im Reigen der Experten ist diesmal Manfred Spitzer, der nach der Konfrontation mit aggressiven (und zweifellos abzulehnenden) e-mails (sic!) sich durch die früheren Beiträge zu Unrecht als potentiell Gestörte hingestellt sehender Spieler erstere gleich mal zu “realer Gewalt” erklärt. Kein Wunder, dass man so auf die folgende Aussage zusteuert:

Ein friedfertiger Mensch, der viel Videospiele spielt, ist am Ende gewaltbereiter als ein eher gewaltbereiter Mensch, der gar nichts spielt.

Aber eigentlich wollte ich auf diesen Beitrag gar nicht weiter eingehen, die wichtigsten Kritikpunkte sind hier schon ausführlich angesprochen wurden und die Vorwürfe werden letztlich immer nur repetiert. Lenken wir den Blick uns also lieber auf ein durchweg ausgewogenes bis positives Beispiel für die Auseinandersetzung mit Computerspielen. Das aktuelle NZZ-Folio 5/05 befasst sich ausführlich mit dem gesamten Themenkomplex, einige Dinge werden sicher für “Insider” nicht neu sein, aber interessant ist vor allem auch das Interview mit 5 bekannten Gamedesignern, u.a. Warren Spector sowie Cevat Yerli von CryTek.
Erschreckend (oder wahlweise Ausdruck gewöhnungsbedürftigen britischen Humors) ist dabei lediglich, dass Oberguru Peter Molyneux ausgerechnet Half Life 2 zu seinem Lieblingsspiel kürt…

Gracias Amigo

Nachdem bereits Guildo Horn und Stefan Raab in den letzten Jahren den alten und ehrwürdigen, eigentlich längst zur Erbmasse des (nur alten) Schlagerzombies Ralf Siegel gezählten Grand Prix in den Blickpunkt eigentlich zielgruppenferner Schichten brachten, wird die einzige live und europaweit ausgestrahlte Dokumentation nationaler Animositäten gegenüber Nachbarländern in diesen Tagen auf eine etwas andere Art aufgemischt. David Brandes, der Produzent Gracia Bauers, Siegerin des deutschen Vorentscheides, soll seine eigenen CDs aufgekauft haben, um den Song mit dem programmatischen Titel „Run and Hide“ in die Charts zu hieven. Durch einige Restrukturierungen in den letzten Jahren sind dafür inzwischen keine allzu astronomischen Verkaufszahlen mehr nötig, wodurch inzwischen auch regelmäßig Black- und Death Metal-Bands zu Chartsehren kommen. Gleichzeitig wirken die Notierungen aber auch als Werbemittel, daher liegt eine entsprechende Manipulation durchaus nahe. Natürlich muss dies für die Musikbranche, die wie keine andere von ihrem Ruf der Anständigkeit und Fairness lebt, um das alleinige Ziel, die aus reinem Altruismus vorangetriebene kulturelle Weiterentwicklung der Nation durch Förderung ihrer kreativsten Köpfe (Dieter Bohlen, Hansi Hinterseer) zu erreichen, wie ein Schock wirken. Da erdreistet sich Brandes außerdem noch, zu seiner Verteidigung einfach zu behaupten, dieses Vorgehen, anhand von „Testkäufen“ die „Verfügbarkeit“ der eigenen Produkte zu überprüfen, wäre durchaus nicht unüblich. Eine schwere Anschuldigung gegen die sich gerade in einem heldenhaften und völlig unverschuldeten Abwehrkampf gegen die Musikpiraterie befindlichen Musikindustrie. Zum Glück hat sie dennoch einige wenige verlässliche Mitstreiter, wie u.a. Media Control, Ermittler der diversen deutschen Charts, die schon vor dem Gracia-Fall erkannte Manipulationen von Brandes-Titeln offenbar stillschweigend aus selbigen herausrechneten, was Brandes` Darstellung nicht gerade erschüttert. Nun kommt aber noch hinzu, dass allein eben diese Chartplatzierung dem Song überhaupt die Teilnahme am Grand Prix ermöglichte, dessen deutsches Organisatoren aber natürlich trotzdem nicht daran denken, den Titel zurückzuziehen. Außerdem hat Brandes bei genauerer Betrachtung noch einige Dinge mehr auf dem Kerbholz. Zu den möglichen Vorwürfen zählen dabei unter anderem Vergewaltigung (von Pop-Klassikern durch Truppen wie Virus Incorporation), Einschleusen osteuropäischer und zum Teil minderjähriger Mädchen (Vanilla Ninja) zum Zwecke der gewerbsmäßigen Ausbeutung ihrer Körper (das musikalische Talent kann es zumindest nicht sein) oder auch der gezielten Volksverdummung („Dont have Sex with your Ex“). Mein Strafvorschlag: 6 Monate bei Wasser, Brot und täglich 24 Stunden Slayer.

Lesenswert

Der normale Literaturkritiker reagiert stinkig, wenn er sich unterhalten fühlt. Wenn er nicht nach Strich und Faden dumm- und krummgelangweilt wird, kann er Texte nicht ernst nehmen.

So Harry Rowohlt im Interview in der Zeit. Überhaupt äußerst lesenswert, nicht nur wegen des genannten Zitats.

»Streit um "Sakrileg"-Boykott weitet sich aus«

Da das Yablo seit geraumer Zeit Leser von Google hat, die über Suchanfragen zu »Verbot«, »Boykott«, »Sakrileg« und »Dan Brown« hierher gefunden haben und ich heute bei sternshortnews auch noch etwas darüber gelesen habe, möchte ich folgendes wiederholen:

Mir ist es immer noch unbegreiflich, wie ein Buch, das sich nur dadurch auszeichnet sich grammatikalisch korrekt in schneller Folge von Cliffhanger zu Cliffhanger zu hangeln, so viel Aufsehen machen und haben kann. Die ganze »antikatholische« Hintergundstory (eigentlich sind es mehrere) ist weder neu noch originell und schon gar nicht kreativ.

Eine Empfehlung: Wer einen spannenden und intelligenten Thriller lesen will, der auch zu Recht in den Bestsellerlisten steht, der sollte sich »Der Schwarm« von Frank Schätzing anschauen.

Klartext?

Vor zehn Tagen schon im hier im YaBlo angemahnt. Jetzt, bevor sich die Wellen geglättet haben, setzt sich auch Tilman Krause in der Welt kritisch mit Rolf Hochhuths Äußerungen über den Holocaust-Leugner David Irving auseinander. Für einen feuilletonistischen Aufschrei kommt das meines Erachtens allerdings etwas spät.

Bedenklich dagegen ist das »Nachwort zu Hochhut« von Richard Wagner in der Frankfurter Rundschau. Die Provokation (falls es denn eine war) relatviert er als Audruck einer Blockade:

Das Leid gesellt sich zur Schuld, die Kombination macht alle Beteiligten nervös. Die Deutschen haben für ihren Größenwahn bezahlt, sie fühlen sich um den Ablasszettel gebracht. Wenn die Geschichtskatastrophe unentwegt zum Maß der Gegenwart erklärt wird, kann diese keinen sicheren Grund bei sich selbst finden. Deutschland ist blockiert, die Provokationen sind Ausdruck der Blockade.

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