Das Sakrileg des Dan B.

Seltsame Sachen gibt es. Da gibt es jetzt eine Rom-Führung an die Handlungsorte des Romans »Illuminati« von Dan Brown. Laut Bericht gibt es Ähnliches auch in Paris: Hintergrund hier: »Das Sakrileg« ebenfalls von Dan Brown.
So ein Brimborium! Ich fand die Bücher nur mäßg spannend und durschnittlich geschrieben (oder übersetzt). Aber wirklich genervt hat die aus der abendländischen Geschichte zusammengeklaubte Hintergrundstory. Irgendwie nichts Neues; und Vatikan-Verschwörungen gibt’s auch wie Sand am Meer.

Vielleicht sollte ich auch mal ein Buch schreiben. Genug Zeit sollte ich ab März ja haben. :/

Team America

Nach Matt Stones Auftritt in Michael Moores „Bowling for Columbine“ entstanden zunächst die Vermutungen, dass die im selben Film enthaltene Trickfilmpassage über die amerikanische Geschichte von ihm und Trey Parker, den Schöpfern der Kultserie „South Park“ produziert worden wäre. Das war allerdings ebenso wenig korrekt wie die scheinbar naheliegende Annahme, dass die beiden die speziell im Nachfolger „Fahrenheit 9/11“ immer mehr in einseitige und verzerrende Polemik abgleitenden Ansichten Moores über die US-Politik (an der es wahrlich genügend zu kritisieren gibt) teilen würden. Deutlicher als im neuen Marionetten-Kinofilm „Team America – World Police“ konnten Parker und Stone dies wohl kaum widerlegen, lassen sie doch Moores hölzernes Pendant als mit Fast Food und Sprengsätzen bewaffnete Selbstmordattentäterpuppe die Basis des Team America im Mount Rushmore in die Luft jagen.

Schon bei South Park ist es der unbegrenzte Wille, JEDES Tabu zu brechen und JEDE dogmatische Sichtweise als dumm zu verulken, der mich nach anfänglicher Skepsis zu einem absoluten Fan der Serie werden ließ. Man muss sich nur erst mal an die Fäkalsprache gewöhnen, bevor man ihren „Sinn“ versteht. Grundsätzlich trifft der Spott also sowohl Bush als auch die Liberalen, Waffenfetischisten wie Ökofreaks, den KKK ebenso wie PETA und alles wird gewürzt mit Witzen über Juden, Behinderte und AIDS. Und genauso verteilt sich der Spott auch in „Team America“, das eigentlich, obwohl es die Thematik des „Antiterrorkrieges“ aufgreift, eher eine Parodie auf die unzähligen Actionfilme und ihre austauschbaren Pseudo-Plots und Dialoge, als ein politisches Statement ist. Das merkt man nicht zuletzt daran, dass die US- Regierung oder Bush persönlich gar nicht auftauchen und die Hardliner-Seite allein vom Spezialkommando selbst vertreten wird. Im Gegensatz dazu sind die Mitglieder der F.A.G. (Film Actors Guild), der das martialische Auftreten von „Team America“ schon lange ein Dorn im Auge ist, wie schon Moore in persona vertreten. Die üblichen Verdächtigen Sean Penn, Susan Sarandon, Alec Baldwin, Matt Damon et. cet. haben alle sehr viel gelesen und halten sich deswegen logischerweise für absolute Politikexperten und allein fähig, den Weltfrieden zu erreichen. Deswegen haben sie auch eine Einladung nach Nordkorea angenommen, wo auf einer von Kim Jong Il initiierten internationalen Friedenskonferenz genau diese Zukunftsvision vorgestellt werden soll. Dumm ist nur, dass der asiatische Diktator der Hauptbösewicht des Films ist und Terroristen mit schmutzigen Bomben versorgt, die just während der Konferenz gezündet werden sollen. Team America will das natürlich verhindern, was einen (blutigen!) Showdown mit F.A.G. unausweichlich macht.

Trotz dieser realpolitischen Anleihen geht es im Film, wie bereits erwähnt, allerdings um die Bloßstellung all der dämlichen Dialoge und Hintergründe von Handelnden in Blockbustern der Marke „Pearl Harbor“ oder „Independence Day“. Kindheitstraumata, Verweigern einer neuen Bindung, Versagensängste, Ödipuskomplexe, wirklich alles, was die Küchenpsychologie so zu bieten hat, wird hier munter auf die Schippe genommen und in seiner filmisch banalen Umsetzung entlarvt. Wie es sich gehört, kommt auch die Parker/Stone eigene Faszination für Körpersäfte nicht zu kurz, zu bewundern gibt es sowohl die längste Kotz- als auch die ausführlichste Sexszene der Filmgeschichte (zumindest für Puppen). Letztere sind übrigens eine Hybridkonstruktion aus alter und neuer Technik, sie werden ganz traditionell über sichtbare Strippen gesteuert, besitzen aber einen mit diversen Motoren ausgestatteten Kopf, so dass sie per Fernsteuerung je nach Szene durchaus auch bestimmte Emotionen besser darstellen können. In diesem Zusammenhang liegt die Glaubwürdigkeit ihrer Schauspielkunst auf jeden Fall weit vor vielen menschlichen Kollegen aus der Seifenoperszene oder auch Til Schweiger.

Eine besondere Rolle spielt die Filmmusik. Bereits bei South Park sind Songs und Musicalnummern immer wieder präsent und „Team America“ parodiert nicht nur Filme, sondern auch ihre Musik. Wenn also die grell in den USA-Farben schimmernden Hubschrauber der Helden zum Einsatz fliegen, werden sie von entsprechenden Hardrock-Klängen mit pathetischen Texten: „America – Fuck YEAH! Coming again, to save the mother fucking day yeah“ begleitet. Die Szene, in welcher der Hauptheld glaubt, seine große Liebe verloren zu haben, untermalt ein trauriges Lied mit dem zu Herzen gehenden Vergleich: „I miss you more than Michael Bay missed the mark when he made Pearl Harbor”. Und wer immer noch glaubt, Männer würden im Angesicht einer nackten Frau (auch wenn sie nur aus Holz ist) nicht weiterhin zu tiefster Emotionalität fähig sein, sollte sich von diesen Worten vom Gegenteil überzeugen lassen: „I like rain, I like ham, I like you. You’re around, you’re right here so you’ll do”. Der musikalische Höhepunkt des Films bleibt allerdings das im Stile alter Hollywoodschinken von wimmernden Geigen begleitete Solo Kim Jong Ils, in dem er seine Einsamkeit beweint:

I’m so ronery. So ronery.
So ronery and sadry arone.
Dere’s no one, just me onry,
sitting on my rittle throne.

Kurz gesagt, bereits die Filmmusik allein ist den Besuch des Films wert. Man sollte allerdings eine gewisse Toleranz gegenüber schmutzigen Worten und blutigen bis ekligen Szenen mitbringen. :)

Vom Wasser haben wir´s gelernt

Ein bemerkenswertes Beispiel für vorauseilende Selbstzensur bieten dieser Tage eine ganze Reihe deutscher Hörfunksender. Diese haben wegen der Flutkatastrophe in Asien den Titel „Die perfekte Welle“ von Juli (neben einigen anderen) aus dem Programm genommen. Da ich den Song zwangsweise einige Wochen jeden Tag mehrmals ertragen musste, könnte ich prinzipiell ja damit leben, andererseits handelt es sich hier um eine ziemlich seltsame und schwachsinnige Aktion. Der Text des Songs verwendet die Welle lediglich als Metapher (wie die meisten anderen auch) und dreht sich eigentlich um eine ganz andere Situation. Es mag ja nicht jedem gegeben sein, sprachliche Bilder zu entschlüsseln, aber wie kommt jemand auf die Idee, einen Text nicht nur konträr zu seinem Sinn zu interpretieren, sondern diese falsche Interpretation dann auch noch als Geschmack- bzw. Pietätlosigkeit anzusehen? Sehr schön ist da die Formulierung

...obwohl es im Liedtext eigentlich um Emotionen und nicht um Wasser geht”, wie Musikredakteurin Conny Eisert auf Anfrage betonte. “Wir gehen gerade bei deutschen Liedern mit den Texten sehr sensibel um”, fügte Eisert hinzu.

Sprachsensibilität drückt sich neuerdings also darin aus, dass man den eigentlichen Inhalt des Textes ignoriert und ihn wegen einer zu Unrecht untergeschobenen Aussage zensiert? Noch absurder ist die Entscheidung, auch den Song „Eine geile Zeit“ derselben Band nicht mehr zu spielen, dessen musikalischer wie textlicher Grundtenor eher nachdenklich und melancholisch ist. Da der Name des Songs aber einen Partyinhalt suggeriert und die Hörer offenbar unfähig sind, selbst die eindeutigen Zeilen in eigener Sprache, die den Titel eben konterkarieren, zu verstehen, wird er trotzdem gestrichen. Da fragt man sich schon, was denn überhaupt noch gespielt wird und passend ist –24 Stunden am Tag O-zone? Wird auch Lichtenauer-Werbung aus dem Programm genommen, oder differenziert man da noch zwischen „indizierten“ Mineralwasser- und erlaubten Limonaden-Commercials? Darf ich mich eigentlich noch duschen, ohne das Gefühl zu haben, etwas im Grunde Pietätloses zu tun?

Was man sich schenken sollte

Hin und wieder entdeckt man im Nachtprogramm der diversen Musiksender mal eine kleine Perle, die nicht in die tagsüber vorherrschenden Klingeltonwerbesendungen passt. Aber es geht auch andersherum, wie ich vor einigen Wochen erleben durfte, als mir plötzlich der Wahnsinnsreim Albtraum – Ich wache auf und finde Halt kaum trotz lediglich halben Hinhörens zwei Zehennägel aufrollte. Die für selbigen Song verantwortliche Band trägt den schönen Namen Nachtwandler und wollte ihn auch optisch streng nach Klischeehandbuch umsetzen, welches unter dem Stichwort Wie stelle ich einen Albtraum dar den Eintrag: ich lasse eine weißgekleidete Tussi gehetzt durch den Wald rennen anbietet. Nur schade, dass die drei Herren zwischendurch musizierend eingeblendet werden. Es passt nämlich irgendwie nicht so ganz zu einer düsteren Gothic-Atmosphäre, wenn drei Sparkassen-Azubis, die so aussehen, als ob sie gerade noch an der Straßenecke vorbeiwatschelnden Omis Zitronenlimo verkauft haben, angestrengt versuchen, ernsthaft oder gar “evil” auszusehen. Andererseits passt dieser visuelle Totalschaden bestens zum musikalischen Rest.

Nachtwandler haben sich vorgenommen, anspruchsvolle deutsche Texte mit Rap und Nu-Metal zu verbinden und scheitern in allen drei Bereichen derart glorios, dass es schon wieder unglaublich lustig ist. Im Gedichtband zum Album “Zurück in den Wald” gibt es nicht nur die für sich selbst sprechenden Lyrics wie:

Ich sah immerzu nach vorne, komme was wolle
Fühlte mich oft genug beschissen nur wegen dir Olle
Ertrug auch düstere Tage, um nicht von den Nächten zu sprechen
Und irgendwann begann ich dann mit dunklen Mächten zu sprechen
Da gibt’s ein paar Dinge, die du über mich wissen solltest Babe
Du hast immerzu geredet, ich nicht gerafft, was du wolltest Babe
Jetzt steh ich am Ende eines langen Flurs mit nur einer Tür
Mit den ganzen verfuckten Dämonen, die du riefst, hinter mir

und

Wir waren wie Sonne und Mond, wie die Wolken und der scheiß Wind
Unglaublich vertraut und wir verstanden uns meist blind
Seitdem ich überhaupt Mädchen kenne, kenne ich dich Babe
Wir waren gegen alles und tranken alle untern Tisch Babe

sondern auch noch Linernotes, die den geneigten Leser mit kosmischen Wahrheiten erleuchten: WIR SOLLTEN ALLE VERSUCHEN UNS VON ANGST ZU BEFREIEN. SONST BEHERRSCHT SIE UNS UND MACHT UNS KAPUTT oder ALBTRÄUME SIND SCHLIMM UND HABEN NICHTS MIT DEN ALPEN ZU TUN, SONDERN MIT NACHTMAHREN, NACHTALBEN – GEISTERN, DIE EINEN IM SCHLAF HEIMSUCHEN sowie SICH ERINNERN IST OFT SCHMERZHAFT, WEIL DIE WELT SICH WEITERGEDREHT UND VERÄNDERT HAT. NICHTS IST FÜR DIE EWIGKEIT. NICHTS BLEIBT WIE ES WAR.

Und wer jetzt schon nicht vor Lachen unter dem Tisch liegt, dem gibt die Musik den Rest. Obwohl ich mich nicht direkt für einen Rap-Experten halte, erlaube ich mir das Urteil, dass keiner der Herren auch nur im Ansatz Talent dazu hat. Das Gute ist, dass man durch Gestalten wie Oli P. (der sich, wie ich glaube, seiner Unzulänglichkeiten aber durchaus bewusst ist) oder eben die diesen eigentlich noch unterbietenden Nachtwandler auch ohne Insider-Kenntnisse merkt, dass es erhebliche Unterschiede zwischen “richtigem” Rap und vorliegendem Quark gibt. Aber damit nicht genug, man versucht sich auch durch Verwendung “harter” Gitarrenriffs als Linkin-Park-Kopie, was aber nicht zuletzt deswegen in die Hose geht, weil alles derart nach Muster 08/15 gestrickt und völlig zahm ist, dass es schmerzt. Wenn das Metal ist, kann Jeanette Biedermann bald bei Napalm Death einsteigen.
Ich bin ja wirklich gespannt, wie erfolgreich dieses Projekt, das dermaßen kalkuliert und
gleichzeitig mies Pseudo-Gothic/Metal/Rap mixt, sein wird. Wenn wenigstens die Tussi im Video hübsch gewesen wäre…

Frontalschaden

Das ZDF scheint es sich wirklich zur Aufgabe gemacht zu haben, die Wurzeln aller gesellschaftlichen Übel endlich freizulegen und auszurrrotten. Die Häufung der Computerspiele betreffenden Berichte und Diskussionen mit Verweisen auf den Amoklauf in Erfurt ist schon ziemlich auffällig. Die einschlägig bekannte Frontal 21-Redation legte letzte Woche erneut mit einem entsprechenden Bericht nach, der die Ergebnisse der PISA-Studien mit dem Medienkonsum der Jugendlichen in Verbindung brachte. Das Ergebnis ist wiederum ein bunter, tendenziöser Mischmasch aus Theorien, Suggestionen und Binsenweisheiten. Zu letzteren gehört beispielsweise die Erkenntnis, dass Süchte etwas Negatives sind. „Übermäßiger Konsum“ impliziert ja bereits, dass krankhaftes Verhalten vorliegt, egal, ob es sich nun um Drogen oder aber auch Medien handelt.

Ebenso wenig ist unter den volljährigen PC-Spielern (der schweigenden, in Artikeln oder Berichten nie präsenten Mehrheit) umstritten, dass bestimmte Titel nicht für Minderjährige geeignet sind, so wie es Filme und Bücher gibt, die von Kindern nicht verstanden oder verarbeitet werden können oder konsumiert werden sollten, gilt dies eben auch für bestimmte PC-Spiele. Die völlige Ausblendung der volljährigen “Gamer” und die alleinige Konzentration auf Kinder als Zielgruppe der Hersteller führt unter anderem dann auch zur teilweise vorzufindenden Gesamtkriminalisierung als Verbrecher, die Minderjährigen Hass und Gewalt predigen. Medienkompetenz ist daher in erster Linie nicht oder nicht nur, wie von Werner Hopf im Artikel behauptet, von den Kindern gefordert, sondern besonders von den Erziehenden, die Süchte und Fehlentwicklungen bekämpfen müssen.

Soweit, so gut, aber natürlich nicht ausreichend als journalistischer und medienpädagogischer Weckruf für die Nation. Deswegen streicht man kurzerhand zwischendurch die Verweise auf übermäßigen (!) Gebrauch und es wird daraus schlicht: “Medienkonsum macht dumm” bzw. “Medienverwahrlosung”. Und eine etwaige Differenzierung zwischen verschiedenen Arten von Spielen, obwohl es ja auch eine wachsende Anzahl von Lernsoftware gibt bzw. bestimmte Genres wie Strategie- oder Adventurespiele sehr viel mehr fordern als das “stumpfe” Ballern, würde wohl zu kompliziert werden, stattdessen zielt das Ganze wie üblich allein auf die “Actionspiele”, die in der Vorstellungswelt der “Experten” eben ca. 98% aller Produkte ausmachen. Man meint Shooter, redet aber von Computerspielen.

Knallhart untermauert wird das dann mit dem bekanntlich immer Wahrheit verkündenden Kindermund “Der Mario, der spielt ziemlich viel Computer, der ist auch ziemlich süchtig, das merkt man.” Aber auch eine neurobiologische Erklärung, die auf erhöhtem Dopaminausstoß basiert, wird vorgebracht, womit man sich aber in logischer Konsequenz selbst in den Fuß schießt, sollten die vereinfachten Formeln stimmen. Denn ich würde dann ganz ketzerisch die These aufstellen, dass das Lernen am PC unter diesen Voraussetzungen prinzipiell sehr viel effizienter wäre als in der Schule: weniger Ablenkung durch Mitschüler, höherer Dopaminausstoß, ein immer gerechter und fairer Lehrer et cet. Das völlige Wirrwar an verschiedenen Thesen, die Mischung aus prinzipiell richtigen Aussagen und verfälschenden Vereinfachungungen wird spätestens an diesem Punkt an die Wand gefahren. Es stellt sich hier immer wieder die Frage, wie es denn um die Medienkompetenz derer, die solche Berichte verfassen und derer, die sich darauf beziehen, bestellt ist, also Journalisten und Politiker. Wie aus bloßen Behauptungen unbestreitbare Wahrheiten werden, solange sie nur oft genug wiederholt werden, hat man kurz nach Ausstrahlung des Berichtes beobachten können und zwar schon wieder bei meinem speziellen Freund JBK Petra Gerster meinte unter Bezugnahme auf Frontal 21:

“Und vor allem wir wissen ja auch die Ballerspiele, wie gefährlich die sein können nicht? Im Extremfall: Erfurt sag ich nur. Und deswegen denke ich müsste man sie wirklich verbieten.”

Genau, das wissen wir doch alle. So wie wir alle wussten, dass R. Steinhäusers Lieblingslied “School Wars” von Slipknot mit der Textzeile, die zur Ermordung von Lehrern unter Verwendung von Pumpguns auffordert, war. Das führte u.a. zu einem talkshowgebundenen Entrüstungsausbruch von Monika Hohlmeier, die den Tränen nah forderte, diese Dinge doch ENDLICH zu verbieten, weil es doch nun klar sein, welche Folgen es hat und außerdem zu einem Slipknot-Boykott durch die Musiksender. Dabei hätte 1 Minute Recherche bei google genügt, um herauszufinden, dass weder der Song noch die Textzeile außerhalb der Erbsenhirne einiger Boulevardjournalisten jemals existierten. Medienkompetenz?

Nicht übersehen sollte man den im Artikel zu findenden Literaturhinweis auf den Sammelband “Da spiel’ ich nicht mit!” Auswirkungen von “Unterhaltungsgewalt”, der eine wesentliche Grundlage für den Bericht geliefert zu haben scheint, tauchen doch einige der Autoren in beidem auf, außer Hopf z. Bsp. noch Michael Wallies, der die in ideologisch aufgeladenen Auseinandersetzungen immer nützliche Rolle des Konvertiten übernimmt, welcher im vorliegenden Fall durch den Erfurter Amoklauf “bekehrt” wurde.
Schon die Verlagsankündigung ist aufschlussreich und passt nahtlos in das eben erläuterte System des “wie man leicht sieht“-Konzeptes: “Pädagogen beobachten bei Jugendlichen zunehmend Verhaltensweisen von Rückzug, Distanz,
Sprachproblemen, Aufmerksamkeitsstörungen, Lernverweigerung bis hin zu Aggressivität – sicherlich auch verursacht durch den hohen Konsum von ‘Unterhaltungsgewalt’!”

Sicherlich!!! Gibt es bessere Beweise als ein Ausrufezeichen hinter einer Behauptung!!!!???
Im Inhaltsverzeichnis tauchen neben den bekannten Formulierungen “Erfahrungen eines Jugendlichen mit Killerspielen”, “„Jahre des Lebens verschwendet …“ auch noch einige einschlägige Bekannte auf. Unter anderem steuert der unvermeidliche Werner Glogauer einen Artikel bei, dessen Titel im Prinzip schon alles sagt: “Wie Kinder und Jugendliche durch Sexmedien und Pornographie zu Sexualtätern werden”. Dass Glogauer eher als Verschwörungstheoretiker durchgeht, der seine Agenda bis zum bitteren Ende auch unter Vernachlässigung jeglicher wissenschaftlichen Ansprüche durchficht, ist inzwischen auch schon einigen Kritikern aufgefallen (s.u.). Neben der ständigen Verwendung von Formulierungen wie “Studien belegen…” und diversen Prozentzahlen, ohne dass die Quellen dieser “Belege” genannt werden, deren Inhalt und Glaubwürdigkeit daher nicht überprüft werden kann, diskreditieren schon Kleinigkeiten diesen “Experten” als äußerst fragwürdig. Auf der Basis von 39 untersuchten Straffällen, bei denen 4 Täter den Einfluss von Medien erwähnten, stellt Glogauer u.a. die Behauptung auf, dass mehr als 10% aller Straftaten durch Medien verschuldet (!) würden. Weder die Auswahl der 39 Fälle, noch die Einschätzung der Glaubwürdigkeit dieser Aussagen (es kann sich ja durchaus auch um Schutzbehauptungen handeln, die wiederum genau auf dieses reproduzierten Bild der durch Medien verursachten Beeinflussung Bezug nehmen) wird schlüssig erläutert, ganz davon abgesehen, dass es völlig absurd und unseriös ist, auf dieser statistischen Basis, die nicht mal für die Beurteilung eines einzigen Gerichtsbezirkes ausreichen würde, Hochrechnungen für ganz Deutschland zu erstellen. Ich könnte ebenso behaupten, dass 100% meiner Computerspiele besitzenden Freunde noch nie ein Gewaltverbrechen verübt haben und könnte damit beweisen, dass Medien völlig ungefährlich wären. Das ist durchgehend symptomatisch für diese Debatten und Berichte, in denen aus pseudomoralischem Affekt das zu Beweisende gleich voraus- und Fakten durch Vereinfachungen und Mythen ersetzt werden.

Nach all den deprimierenden Links schließe ich mit einer ausdrücklichen Empfehlung für den Artikel von Ralf Kellershohn bei reticon, der als Grundlage für die obigen Ausführungen zu Glogauer diente und diese Thema auch weiter vertieft.

Robert Steinhäuser hätte sich gelangweilt

Dass die Berichterstattung über Computerspiele oft recht seltsame Blüten treibt, ist man ja inzwischen durchaus gewöhnt. Dennoch gibt es immer wieder Neuerungen , die auch mich als langjährigen Beobachter überraschen. Dazu gehört definitiv die obige Aussage als Verkaufsargument für das kürzlich erschienene und von Vielen heißersehnte “Half-Life 2”. In der Regel basiert die direkte oder – wie in diesem Fall – auch indirekte Kritik am Shooter-Genre ja eher auf moralischen Implikationen und einfachen Analogien (siehe auch die übrigen Beiträge zum Thema) und der “abstoßenden” Darstellung der Gewalt an sich. Eine auf den Inhalt, die Story der Spiele zielende Auseinandersetzung dürfte die Ausnahme sein, garantiert aber offensichtlich auch nicht, dass das Endergebnis wesentlich differenzierter und anregender ausfällt. Zumindest resultiert bei mir ein Satz wie:

Und wie unterscheidet es [HL1, Anm. v. mir] sich von seinem primitiven Ableger “Counterstrike”, das nach dem Amoklauf von Erfurt vielfach für die “Verdoomung” (Süddeutsche Zeitung) der Jugend verantwortlich gemacht wurde?

in körperlich spürbarem Verabschieden einiger Gehirnzellen, die zu Recht darauf verweisen, dass sie zu dieser Art Lektüre schlicht nicht notwendig seien. Uke Bosse, der nebenher einige eher fragwürdige angebliche Neuerungen wie realistische Physik gar das erstmalige Erreichen von Film- bzw. Literaturqualität bei HL 2 ausmacht, ist zumindest der erste mir bekannte Rezensent, der bei reinen Mutiplayerspielen die Abwesenheit einer Story als Kritikpunkt ausmacht. CS ist als dumpfer , primitiver und stumpfer angeblicher Ableger von HL wohl abgesehen vom durch die zu häufigen Wiederholungen wenig ansprechenden Stil kaum richtig kategorisiert, ebenso fehlt dort ja die gerade für die Verdoomung im SZ-Sinne so maßgebliche exzessive Gewaltdarstellung. Wichtige Details, deren Abwesenheit aber alles andere als untypisch ist.

Auf amüsante Art bemerkenswert finde ich weiterhin, wie auch im eher linken Umfeld des TAZ-Publikums in diesem Themenbereich die Reproduktion bestimmter Codeworte genügt, um sich verständigen zu können. So wie die durchschnittliche PC-Zeitschrift ihre Leser mit “20 Millionen Punkte im 3d-Mark” begeistert und der eher konservative Konsument der Springer-Presse sich an “Blutfontänen” und “erschossenen Schulmädchen” delektiert, muss man bei der TAZ offenbar nur “Orwell”, “Polizeigewalt” oder schlicht “Gesellschaft” erwähnen, um die Zielgruppe anzusprechen. Den Krokodilstränen über die durch die Gewaltspiele verrohende Jugend wird ein originär linkes Horrorszenario gegenübergestellt:

So werden wir von einem Polizisten gezwungen, eine Dose in den Müll zu werfen, da er behauptet, wir hätten sie fallen lassen.

Furchtbar, welch gräßliche Folgen die Globalisierung so mit sich bringt. Denn merke, solange Gewalt als Bestandteil eines Unterdrückungsapparates präsentiert wird, ist ihre Darstellung in Ordnung und sinnvoll. Zerplatzt hier ein Gegner in Tausend Stücke ist dies als feine Form der Gesellschaftskritik zu verstehen und legitimiert, während dasselbe Geschehen auf einer von Aliens überfluteten Marsstation eine verabscheuungswürdige Gewaltorgie ist. Somit ist die Verurteilung von CS durch Bosse eigentlich auch eher auf ein Mißverständnis zurückzuführen. Schließlich ist die Hintergrundstory ja dergestalt, dass ich zunächst als unbescholtener Terrorist einfach mit Freunden (einige davon noch in ihrer weißen Arbeitskleidung) meine allabendliche Runde Liebesskat spiele. In einer plötzlichen Manifestierung staatlicher Gewalt treten 6 uniformierte Repräsentanten des Schweinesystems die Türen meines Hauses ein und greifen uns ohne ersichtlichen Grund und völlig rücksichtlos unter Einsatz aller Mittel an. Selbst Granaten und prämoderne Folterinstrumente wie Messer werden dabei verwendet. Und da soll es nicht verständlich oder gar “dumpf” sein, wenn ich mir die zufällig herumliegende AK47 schnappe und unsere kleine Kommune verteidige? Also bitte!

In diesem Sinne möchte ich den TAZ-Lesern noch einige weitere persönliche Geheimtips vorstellen:

1. SiN
Ein großer (amerikanischer!!!) BioChemie-Multi produziert eine Droge, die Menschen zu Monstern und willfährigen Soldaten macht. Mastermind des Bösen ist dabei eine Frau (Emanzipation!).

2. Requiem
Nachdem der Mensch postaufklärerisch beschlossen hat, seinen Planeten zum Teufel gehen zu lassen, schickt Gott (!) einen Engel (!!) auf die Erde, der brutal mit übernatürlichen Fähigkeiten und Waffengewalt das Rad der Geschichte zurückdrehen will. Exemplarisch wird hier die Ruchlosigkeit und Verlogenheit der organisierten Religion (!!!) veranschaulicht.

3. Mortyr, Wolfenstein, Medal of Honor, Call of Duty et. cet.
Nazis abballern!!!

Now Shot, you are the greatest

Dieses angebliche “perverse Lob” für einen Mord ist Bestandteil eines der die Welt immer weiter an den Rand des Abgrundes treibenden “Gewaltspiele”, wie Recherchen der investigativen Reporter vom ZDF ergeben haben sollen. Jener Sendeanstalt also, die mit ihrer Berichterstattung am Tag des Amoklaufs von Erfurt durch den als Fußballkommentator wie als Talksowgastgeber gleichermaßen unerträglichen Johannes B. Kerner einen Tiefpunkt des Fernsehjournalismus erreichte. Vielleicht hat man sich deswegen nun den Kampf gegen die “menschenverachtenden” Spiele auf die Fahnen geschrieben und richtet sich auch ganz gezielt an das Stammpublikum mit der Warnung: “Rentner werden erschlagen”. Die thüringische Tragödie dient auch weiterhin als Aufhänger und Argument gegen die aktuelle Gesetzeslage, welche die ältere unsinnige Indizierungsregelung mit einer Alterfreigaberegelung ersetzt hat und somit für Erwachsene einen legalen Zugang zu diesen Medien eröffnet.
Perfekt ergänzt wird diese Art der Berichterstattung durch die Kenner der Materie kaum überraschende absolute Ahnungslosigkeit von Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm, der mit seinem Statement verrät, dass er weder den Unterschied zwischen Indizierung und Verbot bei der alten, noch den Inhalt und Sinn der neuen Gesetzeslage auch nur im Ansatz verstanden hat. Aber das ist auch nicht nötig, Hauptsache, man kann markig nach Veränderungen schreien.

Ähnlich wie der kürzlich diskutierte Artikel in der SZ gibt sich auch dieser Beitrag gar nicht mehr die Mühe, eine Korrelation zwischen virtueller und realer Gewalt bzw. die Auswirkungen überhaupt, stichhaltig zu belegen, nicht mal für den Erfurter Fall. Es wird wiederum einfach vorausgesetzt, dass der Leser/Zuschauer sich dies sowieso denkt und das das schon so stimmen wird, weil man ja sieht, wie brutal die Spiele sind. Zu guter Letzt darf dann natürlich auch der unvermeidliche Kommentar von Günther Beckstein nicht fehlen, der gleich ans Eingemachte gehen und die Herstellung der Spiele verbieten will. Klingt nach einem interessanten Projekt, einer Art Vorzensur, bei dem dann wohl bayrische LKA-Beamte über Jahre hinweg in den Entwicklerstudios hospitieren und nach Möglichkeit die ganze Mannschaft nach der Kreation eines ersten Blutpixels verhaften. Oder die Spielkonzepte werden persönlich bei Herrn Becksteins Bundesschrifttumskammer eingereicht und entweder genehmigt bzw. alternativ der Betreffende wegen seiner gewalttätigen Phantasie in ein Besserungslager eingewiesen. Für den ZDF-Autor Rainer Fromm empfehle ich hingegen erstmal einen Englischkurs.

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