Korrelationen, Beweise, Ursachen - alles derselbe Kram

Nachdem sich der unaufhaltsame (biologisch determinierte) Trend zu “besserer” Berichterstattung über Videospiele langsam durchzusetzen scheint, wie man anhand der durchweg eher positiven Rezensionen von “Grand Theft Auto IV” in den seriöseren Medien sehen kann, war es nur eine Frage der Zeit, wann die Mahner und Weltuntergangspropheten wieder zurückschlagen. Die Rolle des Retters nimmt diesmal Werner Hopf ein, über dessen bisher unveröffentliche Studie mit 653 oberbayrischen Schülern die Zeitschrift GEO WISSEN berichtet. Die Erkenntnisse klingen durchweg sensationell, “eindeutige Ergebnisse” wurden gefunden und “bewiesen” (!), dass Videospiele die wichtigste “Ursache” für Gewaltkriminalität sind.
Kurz: “Computerspiele machen aggressiv, brutal und dumm”, wie die “Augsburger Allgemeine” in seriöser Neutralität ein Interview mit Hopf überschreibt.

Nun ist es natürlich prinzipiell erst mal schwierig, eine nicht veröffentlichte Studie zu bewerten. Es fehlen Angaben dazu, welche Spiele man abfragte, wie viele Jugendliche genau welche Taten begingen et. cet. Zusätzlich wäre zu fragen, ob die geographische Beschränkung auf Oberbayern globale Schlussfolgerungen zulässt. Auch ohne diese Daten genau bewerten zu können, müssen aber bei der Behauptung, man habe hier tatsächlich etwas bewiesen und eindeutige Ursachen entdeckt, die Alarmglocken läuten. Es handelt sich offenkundig um eine Befragungsstudie, bei der die Teilnehmer innerhalb von 2 Jahren Angaben zu diversen abgefragten Punkten machen, darunter zu ihrem sozialen Umfeld, den Schulnoten und eben der Mediennutzung. Das Spielen gewalthaltiger Videospiele war demzufolge die beste Vorhersagemöglichkeit für ein späteres aggressives/kriminelle Verhalten. Wir haben also zunächst einmal nicht mehr als eine simple statistische Korrelation vor uns. Grundsätzlich wäre auch hier zu fragen, ob die Wahl der Gegend eine angemessene Bewertung anderer Faktoren (“Leben unter Kriminellen”) evtl. erschwert. Vor allem aber muss man beachten, dass bei der Auswahl dieser Faktoren ja bereits angenommen wird, dass der Konsum von Videospielen ein Risikofaktor bzw. eine Ursache ist. Dazu müsste man bereits ausschließen, dass es sich um eine Wirkung (aggressivere Jungen wählen bevorzugt entsprechende Spiele) oder schlicht um einen Indikator handelt. Ob diese Wahl begründet wird, bezweifle ich stark und daraus folgt, dass zumindest teilweise das, was man beweisen will, bereits durch die Wahl des Modells vorausgesetzt wird.

Die Jugendlichen wurden über den Zeitraum hinweg beobachtet, in dem man gemeinhin den Eintritt der Pubertät vermuten dürfte (die Ausgabe von GEO-Wissen beschäftigt sich ja auch damit), das heisst also auch, dass die Wahrscheinlichkeit von aggressiven Taten prinzipiell steigt. Dies ist eine grundlegende Tatsache aller Kriminalstatistiken, die zeigen, dass junge Männer in diesem Zeitraum besonders auffällig werden und zwar zu jeder Zeit in jedem kulturellen Background, also auch schon lange vor der Erfindung von Videospielen. Zweitens, wie auch durch eine neuere Untersuchung von Patrick Kierkegaard belegt wird, geht die Verbreitung dieses Mediums in den letzten 15 Jahren eben gerade nicht mit einem analogen Anstieg von (Jugend)Gewaltkriminalität einher, das Gegenteil ist der Fall.
Er unterstellt den Kritikern der Spiele einen “bias”, der in dem hier diskutierten Beispiel auch wieder deutlich wird. Es wäre natürlich möglich, dass es einen oder mehrere zusätzliche Faktoren gibt, die den Einfluss der Spiele extrem mildern, aber die Spielekritiker ziehen es vor, diese globalen Daten einfach zu ignorieren und lieber auf den gefühlten Anstieg der Kriminalität zu setzen, um ihre Botschaft an den Mann zu bringen.

Als Kuriosum am Rande empfinde ich den Befund, dass sich die Deutsch- und Englisch-Noten der entsprechenden Schüler verschlechter haben. Das legt nahe, dass es in anderen Fächer keine negative oder vielleicht gar eine positie Entwicklung gab, warum sollten Spiele gerade und nur auf diese Fächer einen Einfluss haben?
Ebenso interessant ist die Begrüdung für die Handlungsempfehlung Hopfs (natürlich ein Verbot der Spiele):

Was ist also zu tun?

Hopf: Die Gegenseite sagt, dass man die Medienkompetenz der Schüler verbessern muss. Das ist pure Illusion und eine Lüge. 60 Prozent der deutschen Eltern kümmern sich überhaupt nicht um die Mediennutzung ihrer Kinder. Wie soll dann so etwas erreicht werden?

Was schlagen Sie vor?

Hopf: Mein Vorschlag ist, die Computer-Gewaltspiele zu verbieten. Es gibt keine andere Lösung. Die Verrohung, die dadurch entsteht, ist ja jetzt schon überall zu sehen.

Diese Aussagen lassen eine recht befremdliche Schlussfolgerung zu: man muss die Spiele verbieten, damit sich Eltern auch weiterhin nicht um die Mediennutzung ihrer Kinder kümmern müssen. Dass “die Gegenseite” mindestens in gleichem Maße fordert, dass die Eltern medienkompetenter werden, unterschlägt Hopf bereits zum wiederholten Male. Viele Kulturbereiche und Genres enthalten Darstellungen und Aussagen, die für Kinder/Jugendliche nicht geeignet sind, weil dort aber quasi selbstverständlich und nicht zuletzt durch die Kompetenz der Eltern dafür gesorgt ist, dass Kinder mit den Inhalten nicht in Berührung kommen, wird auch keine entsprechende Forderung nach einer Gesamtzensur gestellt. Denn genau das wird ja gefordert: ein komplettes kulturelles Medium muss sich an den Bedürfnissen von Kindern orientieren. Man stelle sich den feuilletonistischen Aufschrei vor, wenn jemand eine analoge Forderung für Theater, Opernhäuser und Bücher stellen würde.
Das liegt zusätzlich natürlich daran, dass es sich hierbei um etablierte Medien und Kulturprodukte handelt, Videospiele sind dagegen Schund, den man nicht schützen muss und den ausschließlich Kinder konsumieren. Oder kranke Erwachsene…wie wir.

Wenn man sich schon nicht auf die Rente freuen kann...

Und noch ein Eintrag über ein englisches Zitat, diesmal ist es sogar völlig egal, ob es gefälscht oder echt ist. Richard Bartle erklärt die Schlacht um die Zensur von Videospielen kurzerhand für beendet – und “uns” zum Sieger. Anlaß ist die von der britischen Regierung in Auftrag gegebene Untersuchung zu Möglichkeiten der Verbesserung des Schutzes von Kindern vor den Gefahren der neuen Medien, die kürzlich veröffentlicht wurde. Die Psychologin Tanya Byron kommt hier zu sehr neutral formulierten Vorschlägen, die jenseits der üblichen Hysterien vor allem auf mehr Medienkompetenz setzt. Bartle spekuliert, dass nicht zuletzt die Auftraggeber eher etwas anders gelagerte Schlußfolgerungen erwartet hätten. Die Begründung, warum dies nicht geschah, ist simpel: Byron gehört im Gegensatz zu den vehementen Kritikern einer jüngeren Generation an, die mit den Spielen sozialisiert wurde und für die ein Großteil der vorgebrachten Argumente und Befürchtungen schlicht den eigenen Erfahrungen widerspricht:

I’m talking to you, you self-righteous politicians and newspaper columnists, you relics who beat on computer games: you’ve already lost. Enjoy your carping while you can, because tomorrow you’re gone…Gamers vote. Gamers buy newspapers. They won’t vote for you, or buy your newspapers, if you trash their entertainment with your ignorant ravings. Call them social inadequates if you like, but when they have more friends in World of Warcraft than you have in your entire sad little booze-oriented culture of a real life, the most you’ll get from them is pity.

Schtonk 2 - the British Empire strikes back

Der für die Uni Leipzig Honorarprofessor tätige Michael Vogt sorgte durch sein Mitwirken an mehreren historisch “zweifelhaften” Filmen und seine Kontakte zur rechtsextremen Szene im letzten Jahr für einige Aufregung, die letztlich auch zur erzwungenen Beendigung seiner Arbeit führte. Vogt gerierte sich anschließend aus nachzuvollziehenden Gründen als Opfer politischer Machenschaften, da seine Filme, speziell über den Englandflug des Führerstellvertreters Heß und über Kriegsverbrechen der Alliierten, auf angeblich “echten und unwiderlegten Dokumenten” beruhen würden. In einem Interview mit dem aus ähnlichen Gründen mit Vorsicht zu genießenden Onlinemagazin Blaue Narzisse ließ Vogt kaum eines der bekannten Schlagwörter wie “Inquisition”, “Volkspädagogik” und “mediale Hinrichtung” aus, nicht einmal Martin Luther oder Rosa Luxemburgs leider nicht vor ständigem Mißbrauch schützbares Zitat zur Freiheit des Andersdenkenden war vor ihm sicher.

Nun erscheinen allerdings gerade die grundlegenden Dokumente in einem gänzlich neuen Licht. Entdeckt und in entsprechend reißerischen Büchern verwertet hatte sie der britische Historiker Martin Allen, der im Falle Heß behauptete, der Ärmste habe einen ehrlichen Frieden aushandeln wollen, sei aber gemeinsam mit Hitler von den Engländern in eine Falle gelockt worden,. Die Briten hätten der deutschen Führung suggerieren wollten, dass eine Palastrevolution gegen Churchill im Gange und England dann zum Frieden bereit sei. Damit sollte ein deutscher Angriff auf Russland befördert werden, der automatisch eine geringere direkte Bedrohung für England bedeutet hätte. Allens neuestes Buch beschäftigt sich erneut mit einer sensationellen Entdeckung im Kontext des Dritten Reiches, nämlich den angeblichen Beweisen dafür, dass Himmler sich keineswegs selbst umbrachte, sondern er durch die Engländer getötet wurde, damit ihre Kontakte mit Himmler, den sie seit 1943 gegen Hitler in Stellung zu bringen versuchten, nicht an die Öffentlichkeit gerieten. Auch für diese These legte Allen neuentdeckte Dokumente vor, eines davon stammte aus der Feder von Brendan Bracken, Informationsminister unter Churchill und einflussreicher Gründer der Financial Times. Einem Reporter der Zeitung fiel zunächst der wenig zu Bracken passende Schreibstil auf und er stellte Nachforschungen an, die unter anderem ergaben, dass Teile der Schreiben mit einem Laserdrucker (!) hergestellt worden und demnach sicher gefälscht waren. Die Untersuchungen wurde dann auf weitere von Allen verwendete Dokumente ausgedehnt. Das erschreckende Ergebnis:

In all, there were 29 forged documents, each typed on one of only four typewriters. They were placed in 12 separate files, and cited at least once in one or more of Allen’s three books. In fact, according to the experts at the Archives, documents now shown to be forgeries supported controversial arguments central to each of Allen’s books: in Hidden Agenda, five documents now known to be forged helped justify his claim that the Duke of Windsor betrayed military secrets to Hitler; in The Hitler/Hess Deception, 13 bogus papers supported Allen’s contention that, in 1941, British intelligence used members of the Royal Family to fool the Nazis into thinking Britain was on the verge of a pro-German putsch; in Himmler’s Secret War, 22 counterfeit papers also underpinned the book’s core claims that British intelligence played mindgames with Himmler to encourage him to betray Hitler from 1943 onwards, and that ultimately they murdered the SS chief.

None of these forged documents was cited in any other works of history.

Auch wenn die “unwiderlegbaren” Dokumente damit wohl alles andere als glaubwürdig sind, bleiben leider die Fragen danach, wie es sein kann, dass diese Fälschungen in den offiziellen Aktenbestand gelangten. Gegen Allen wird nicht prozessiert, was mit seinen Gesundheitsproblemen begründet und sicher einfach wieder neue Verschwörungstheorien in Gang setzen wird.

Amokeierlauf

Im Fischblog findet sich der Link zu einer Studie, die auf eine statistische Korrelation zwischen niedrigem (!) Cholesterinspiegel und Schulverweisen bzw. aggressivem Verhalten hinweist:

The authors concluded that, among non-African-American children, low total cholesterol is associated with school suspension or expulsion and that low total cholesterol may be a risk factor for aggression or a risk marker for other biologic variables that predispose to aggression.

Das wäre ja einmal eine durchaus interessante Frage im Hinblick auf die hier mehrfach kritisierten Behauptungen bezüglich des ach so furchtbaren Einflusses diverser Medien auf jugendliche Gewalttäter und die damit einhergehenden Zensurdebatten. Vielleicht gibt es ja dann bald einen modifizierten bayrischen Gesetzentwurf, der den Verkauf eines Egoshooters nur noch im Bundle mit einem halben Liter Milch inklusive zwei darin aufgeschlagener Eier in der Feldflasche erlaubt?

Bambi oder Bembel

Das Scientology feiernde Video eines teilweise geradezu irre wirkenden Tom Cruise geistert schon seit einigen Tagen durchs Netz, obwohl Hubbards Science-Fiction-Kirche sich sehr bemühte, selbiges zu verhindern. Eigentlich unverständlich, denn wenn Cruise nicht zuletzt dank der Schützenhilfe der FAZ bereits für die Darstellung des Hitlerattentäters Stauffenberg einen Courage-Bambi bekam, welche Ehrungen müssten ihm erst für die Tapferkeit zustehen, diese bizarren Äußerungen (hier gibt einige Erklärungen der “Fachbegriffe”) auf Zelluloid zu bannen?

Das einzig Positive ist, dass das Video geradezu nach einer Parodie schreit. Neben einer kurzen Einlage in Comedy Centrals Colbert Report (den ich neben der “Daily Show” im Übrigen allen nur wärmstens an’s Herz legen kann!) ist hier vor allem das Video von Schauspielerkollege Jerry O’Connell zu nennen. Ich hoffe, es gibt bald noch mehr davon.

Wie Herr Pfeiffer fast einen Amoklauf verhindert hätte

Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Thomas Gottschalk würde während seiner Sendung Amok laufen und Prominente wie Wettkönige reihenweise erschießen. Am nächsten Tag gäbe es Fernsehsendungen, Artikel und Experteninterviews, die sich anläßlich dieser Tat mit der kriminalitätsfördernden Kultur von Menschen mit Migrationshintergrund beschäftigen. Wem das leicht unlogisch vorkommen sollte, kann sich durch einige der medialen Folgen der schrecklichen Tragödie von Blacksburg eines Besseren belehren lassen.

Gestern abend betitelte n-tv seine Talksendung mit “Amoklauf in Virginia: Jugendkultur der Gewalt?” und heute konnte die Passauer Neue Presse niemand anderen als Prof. Pfeiffer zu einem Interview bewegen, der sich über die Wild-West-Manieren der Amerikaner und natürlich die gräßlichen Auswirkungen der Computerspiele ausließ. Schwankend zwischen Faszination und Verblüffung kann man erleben, dass bestimmte, seit Jahren eingeübte Rituale der Schuldzuweisung inzwischen völlig automatisch und ohne dass sie irgendeinen Bezug zu den bisher bekannten Fakten und Hintergründen der Tat haben, ablaufen.

Bei Herrn Pfeiffer kann man inzwischen regelmäßig beobachten, dass sich seine Aussagen widersprechen oder sie komplett realitätsfern sind. Schon in einem Interview direkt nach dem School-Shooting von Emsdetten behauptete er:

Überhaupt keine Frage, dass er durch intensives Computerspielen in seinen Schulleistungen immer schlechter wurde, bis hin zum Sitzenbleiben…Jedenfalls hat er sich dann aus dieser Niederlage, aus seinem Außenseiterdasein heraus völlig hinein begeben in diese Welt der Computerspiele und ist dort untergetaucht. Das bis zu einem Grad, dass er gar nicht mehr so richtig unterschieden hat zwischen Pixelwelt und realem Leben.

Es sei angemerkt, dass das Interview 2 (max. 3) Tage nach der Tat geführt wurde, es ist völlig unmöglich, dass Pfeiffer zu diesem Zeitpunkt schon Informationen hatte, die eine solche kategorische Feststellung (“überhaupt keine Frage”) erlaubt hätten. Der Täter ist in der 7. und 8. Klasse sitzengeblieben, ob er zu dieser Zeit überhaupt schon einen PC oder eine Videokonsole hatte, ist unbekannt und erst recht, welchen Einfluss sie hatten. Pfeiffer ging aber noch einen Schritt weiter:

hätte er die Computerspiele nicht gehabt …wäre er mit Sicherheit kein Amokläufer geworden.

Mit Sicherheit? Kein Psychologe oder Wissenschaftler, der im Ansatz objektiv arbeiten wollte, würde eine solche Aussage tätigen. Da der Täter dazu nichts mehr aussagen kann, lässt sich hier sowieso nichts widerlegen. Aber mit einem beeindruckenden logischen Salto rettet sich der Interviewte:

...genauso wie meine ganze Antwort jetzt selbstverständlich hypothetischen Charakter hat.

Man versteht nun auch, warum Prof. Pfeiffer offenbar Deutschlands einzigster oder wenigstens größter Kriminologe ist: er kann Aussagen treffen, die absolut sicher und gleichzeitig rein hypothetisch sind. Das schafft zweifellos nicht jeder.

Nahezu identische Aussagen finden sich im oben verlinkten aktuellen Interview und sie sind auch wieder recht widersprüchlich.

Die Polizei hat komplett falsch reagiert und sträflich versagt. Das muss aufgeklärt werden. Ich rechne mit einem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss im Bundesstaat Virginia. Er muss klären, warum weitere Menschen sterben mussten, die man hätte retten können, wenn man nach den ersten Schüssen konsequent nach dem Täter gesucht hätte

Die dummen schießwütigen Amis brauchen natürlich einen Untersuchungsausschuss, um herauszufinden, was unser Genius bereits jetzt weiß: die Polizei hat völlig versagt. Die ihr vorliegenden Hinweise deuteten auf ein Beziehungsdrama und es gab auch bereits einen ersten Tatverdächtigen, der festgenommen und verhört wurde. Hätten sie doch lieber mal in Niedersachsen angerufen, Herr Pfeifer hätte ihnen auf der Stelle sagen können, dass sie den Falschen erwischt hatten und eine blinde Attacke auf die Studenten die logische Folge dieser Indizien sein MUSSTE.

Das Interview suggeriert, dass Pfeiffer es inzwischen gar nicht mehr nötig hat, sich Informationen zum jeweiligen Fall zu besorgen oder sich bei fehlenden Informationen evtl. etwas vorsichtiger zu äußern. Stattdessen wird immer nur dieselbe Schauermär der Desensibilisierung durch Computerspiele wiederholt, die für ihn conditio sine qua non eines School Shootings ist. Auch wenn die bisher bekanntgewordenen Details zum Täter (und jetzt kommen wir wieder zu Thomas Gottschalk) keinerlei Hinweise auf die Nutzung von Gewaltmedien beinhalten und der Täter seine Schule nicht mit einem Leveleditor nachbaute, sondern vielmehr blutrünstige Theaterstücke schrieb, wen kümmert´s schon, wen man sich einmal auf einen Sündenbock festgelegt hat. Dass der Täter schon früher durch Belästigungen aufgefallen war, in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen und wohl auch diesbezüglich medikamentös behandelt wurde, ist irrelevant. Ebenso wie sein derart extremes Außenseitertum, das bislang jegliche Verbindung zu irgendeiner Form von “Jugendkultur” unmöglich gemacht hat.

Ob dem Experten jemand gepfiffen hat, dass es sich beim Täter um einen Südkoreaner handelte, der sich mit Greencard in den USA aufhielt? Was soll´s, auch ihn und seine Familie kann man ohne Probleme in die Tradition des Wilden Westens einordnen. Mir scheint, dass jede Jahrmarktastrologin ihre Einschätzung des Falles auf mehr Faktenkenntnis basieren würde als ein ausgewiesener Kriminologe…

Es mag vielleicht taktlos erscheinen, angesichts eines derartigen Verbrechens nun gleich wieder mit den Killerspiel-Diskussion anzufangen, aber ich halte diese Debatten, die nicht selten gewürzt sind mit einer satten Portion Überheblichkeit, für wesentlich schlimmer.

Günther Becksteins großer Tag

Heute berät der Bundesrat über den “Killerspiel”-Gesetzentwurf Bayerns. Der Begriff “Killerspiel” scheint inzwischen trotz der Tatsache, dass er gemessen am Inhalt der Spiele unzutreffend ist, derart objektiviert worden zu sein, dass er als offizielle Genrebezeichnung auftritt. Dies ist eine logische Folge der von den Kritikern verfolgten Strategie, diese Spiele und Filme als erstes moralisch-ethisch zu diskreditieren. Jeder prominente Gegner macht dies in nahezu jedem Statement klar; es handelt sich um Dreck und Schmutz, eine Gesellschaft, die dies nicht verbietet, ist “krank”. Die Gefährlichkeit wird auf diese Art und Weise bereits vor jeglicher Präsentation wissenschaftlicher Daten “nachgewiesen” und daher genügt es, wenn Täter derartige Medien besaßen, um diese als Ursache zu identifizieren. Dass die entsprechenden Studien wesentlich komplexere und auch widersprüchliche Ergebnisse vorweisen, die im Übrigen nie kriminelle Gewaltausübung untersucht haben (genau diese steht aber im Zentrum der Debatten), kann man hierbei dann ignorieren.

Psychologisch ist dies so geschickt und öffentlichkeitswirksam, dass selbst Verteidiger es groteskerweise anerkennen. So hat der Deutsche Kulturrat zwar dankenswerterweise Videospiele verbal unter den Schutz der Kunstfreiheit gestellt, gleichzeitig aber auch deutlich gemacht, dass es sich hier um Geschmacklosigkeiten und Schund minderer Qualität handele.

Aber das nur am Rande, ich möchte die prinzipiellen Argumentationsmuster in einer längeren Abhandlung demnächst gesondert untersuchen. Eigentlich geht es hier nur um folgende Äußerung von G. Beckstein, welche die Gefährlichkeit der Computerspiele belegen soll und gleichzeitig ein generelles Verbot als einzigen Ausweg anpreist:

Allerdings sehe ich in der Kriminalstatistik, dass die häufigste Problematik bei 18- bis 25-Jährigen liegt, und da hilft mir der Jugendschutz nichts. Da brauche ich ein Verbot.

Auch hier ist die Frage, inwieweit Medien an den kriminellen Handlungen ursächlich beteiligt sind, bereits positiv beantwortet. Die Behauptung ist aber vor allem aus einem anderen Grund irreführend, um nicht zu sagen verlogen: dass Menschen (v.a. Männer) in dieser Altergruppe besonders häufig straffällig sind, ist ein historisch und kulturell universelles Phänomen, seit es Kriminalstatistiken gibt (Zweiter Periodischer Sicherheitsbericht der Bundesregierung, Langfassung, S. 357)!
Diese Häufung der Delinquienz im fraglichen Alter existiert also seit mindestens 100 Jahren und zwar global. Beckstein schießt sich mit dem Verweis auf diese statistischen Daten also geradezu vorbildlich selbst ins Bein (Disclaimer für die BPjS: aus diesem würde natürlich, wenn überhaupt, nur grünes Blut fließen): wenn diese Häufung schon lange vor der Existenz der fraglichen Medien existierte, muss sie mit ziemlicher Sicherheit andere Gründe haben.

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