short rant

Von der Sache mit den Gesichtserkennungssystemem kann man ja halten was man will.

Rein technisch gesehen hab’ ich da ja ernste Bedenken, solange die Personaleinspargetränkebehälterrückgabeautomaten nicht mal ‘nen billigen Barcode erkennen können und die Flaschen dutzendweise zurückweisen.

Ich finde die Rückgabeprozedur des Mehrwegsystems mittlerweile so daneben, dass ich nur noch Einweg kaufe – also speziell den Krams, wo kein sichtbarer Pfand drauf ist. Das kann man wenigstens vernünftig wegschmeißen. Mit Vorliebe in normalen Hausmüll respektive auf die Straße oder Kreuzung vor Burgerking oder McDonnalds. Da fällt’s auch nicht so auf.

Das Märchen von den magischen drei Punkten

Die Beschäftigung mit den Randgebieten der Pseudo- und Alternativwissenschaften birgt für den Historiker den Vorteil einer Unzahl von Beispielen für gefälschte oder manipulierte Quellen. Viele sind exemplarisch dafür, wie man NICHT arbeiten sollte. Es sei denn, man möchte – wie in diesen Bereichen natürlich der Fall – seine Sichtweisen auf Biegen und Brechen “beweisen” und findet ein entsprechend vorgeschädigtes Publikum. Besonders gern verwendet der Crank (respektive Psychopath) “offizielle” Quellen, obwohl er sonst mit größter Vehemenz gegen alles Offizielle kämpft, es in der Regel sogar genügt, entsprechende Aussagen, die nicht ins eigene Konzept passen, als Mainstream zu bezeichnen um es in den Augen der bewundernden Anhänger zu diskreditieren.

Die Logik scheint einfach: wenn sogar die Mainstream-Quellen mich bestätigen, muss die Faktenlage ja nun wohl völlig eindeutig FÜR mich sprechen. Deswegen zitieren Antisemiten Juden, Holocaustleugner bekannte Historiker, Leugner der Realitivitätstheroie Einstein und Kryptohistoriker durchaus auch aus Original-Quellen. Allerdings kann man eben auch wörtlich korrekt zitieren und trotzdem den Sinn und Kontext einer Aussage komplett verfälschen.

Ein “schönes” Beispiel enthält die Patientenerklärung einer deutschen Impfgegnergruppe. Letztere ist relativ eng verbandelt mit der Germanischen Neuen Medizin des R.G. Hamer, die soeben ein erneutes sinnloses Todesopfer in Italien gefordert hat.
Diese Erklärung enthält einen Bezug auf einen Artikel von Sieghart Dittmann über Impfrisiken (Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz
2002 · 45:316–322). Dass dieser ehemals stellvertretender Vorsitzender der Ständigen Impfkommission war, wird noch einmal deutlich hervorgehoben. Das Autoritäts-Argument funktioniert nämlich durchaus, solange es FÜR den Pseudowissenschaftler spricht.

Der zitierte Abschnitt erweckt nun den Eindruck, als gäbe es quasi keinerlei gesichertes Wissen darüber, ob Impfungen wirklich helfen und wie riskant sie eventuell sein können. Genau dies wird dann unter Punkt 3 auch geschlussfolgert:

Aufgrund dieser Veröffentlichung ist die Nutzen-Risiko-Abwägung für die o.g. Schutzimpfung für mich / uns nicht möglich, so dass ich / wir keine rechtswirksame Einwilligung für die o.g. Schutzimpfung geben.

Man müsste den zitierten Artikel allerdings gar nicht sehr weit lesen, um genau diese Abwägung thematisiert zu sehen. Nämlich genau bis zum Titel. Dieser lautet: “Risiko des Impfens
und das noch größere Risiko, nicht geimpft zu sein”. Dadurch, dass man u.a. einige Sätze auslässt, genauer:

...Es ist durchaus möglich, dass diese meist als Einzelfall (Kasuistik) berichteten möglichen Komplikationen eher zufällig in zeitlicher Koinzidenz mit der Impfung auftraten. Zwei Drittel der von den Expertenkomitees des Instituts für Medizin der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften analysierten möglichen Komplikationen nach Schutzimpfungen des Kindesalters konnten ursächlich weder zugeordnet noch ausgeschlossen werden.

werden dem Leser wichtige Informationen vorenthalten.

Im Kontext wird klar, dass einerseits die Fallzahlen sehr gering sind (was für die Risiko-Nutzen-Abwägung eigentlich sehr wichtig wäre) und es andererseits einige Unterschiede zwischen modernen westlichen Staaten und Entwicklungsländern gibt, was die Kontrolle einer Impfkampagne, das Verständnis der Zusammenhänge und die entsprechenden Rückmeldungen betrifft. Daraus entstehen die benannten Unsicherheiten bezüglich der gemeldeten Impfschäden, NICHT des Erfolges der Impfungen. Grundsätzlich gibt es keinerlei Zweifel an der Effizienz von Impfungen, ohne dass Risiken von Impfschäden 100%ig ausgeschlossen werden können, allerdings sind die Risiken im Vergleich zur Schutzwirkung so gering, dass es bei halbwegs vernünftiger Betrachtung überhaupt keine Frage sein DARF, wie die entsprechende Analyse ausfällt.

In vorderster Front

Eigentlich wollte ich pflichtgemäß auf die neuesten Becksteinschen “Erkenntnisse” zum Thema Computerspiele, die er unter direktem Bezug auf den Doppelmord von Tessin medienwirksam parallel zu einer Debatte des EU-Ministerrates zum Verbot von Videospielen der Öffentlichkeit mitteilte, hinweisen. Er behauptete, dass der Mord “exakt nach dem Drehbuch eines Killerspiels” abgelaufen wäre.
Gerade von Juristen sollte man eigentlich erwarten, dass sie sich erst zu Themen und speziell Straftaten äußern, wenn sie die entsprechenden Hintergründe kennen. Und zwar aus dem Munde bzw. der Feder der Ermittler. Ausnahmen sind aber natürlich Berichte der BILD-Zeitung, dem deutschen Zentralorgan für faktengesättigte und objektive Berichterstattung, die einen Zusammenhang zum Computerspiel “Final Fantasy VII” herstellte. Ich schenke mir den Kommentar und verlinke faulerweise lieber auf einen Artikel von Demonews, der die wichtigsten Merkwürdigkeiten thematisiert.

Stattdessen noch einige Worte zu einer im weiteren Sinne ähnlichen Angelegenheit. Anfang des Jahres nahm die deutsche Justizministerin Brigitte Zypries die deutsche EU-Ratspräsidentschaft zum Anlass, einen neuen Vorstoß zu europäischer Standardisierung bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus anzukündigen. Eine grundsätzlich sicher begrüßenswerte Idee, allerdings geht es auch darum, europaweit die Leugnung des Holocaust als Straftatbestand zu etablieren. Auch hier drängen sich deutsche Politiker also in den Vordergrund, wenn es um Einschränkungen bestimmter Freiheiten als einzig möglichem Mittel zur Bekämpfung bzw. Prävention geht. Dass Holocaustleugner widerliche Lügner sind, ist eine Sache, aber ich bezweifle (durchaus schweren Herzens) trotzdem zunehmen die Richtigkeit einer solchen Einschränkung der Meinungs- und Redefreiheit. Ihre Positionen und Behauptungen sind inakzeptabel – aber IMO aus sozialer und moralischer, nicht aus juristischer Sicht. Sie sollten in Schulen, Universitäten und in den Medien argumentativ bekämpft werden. Rechtsextreme Parteien profitieren sehr häufig von einer stellenweise durchaus diffusen Abneigung gegenüber dem politischen “Mainstream” (wahlweise blanker Dummheit) und diese Straftatbestände helfen ihnen dabei propagandistisch enorm.

Dank der neuen italienischen Regierung, die ihre frühere Blockadehaltung aufgibt, soll dies nun gelingen und auch endlich der Hitler-Wein verboten werden. Nun ist es also wohl rückblickend schon soweit, dass ausgerechnet Berlusconi als Verteidiger der Meinungsfreiheit gefeiert werden müsste…

Copy kills Logic Update

Am 20.12. wurde nun das Urteil im Prozess gegen den 19jährigen Steffe G. aus Debkau gefällt. Manfred Spitzer scheint meinen Befürchtungen gerecht geworden zu sein und hat einen Zusammenhang zwischen Videospiel und Tat behauptet, wobei der Gutachter der Gegenseite dieser Sicht nicht folgte. Das Gericht folgte dem dankenswerterweise und unterstrich, dass zwischen Spiel und Tat einige Zeit verstrich und dass der Angeklagte bereits früher, auch ohne entsprechende Einflüsse, gegen Menschen gewalttätig wurde.

Dass dies Herrn Spitzer von seinem Kreuzzug abbringt, ist allerdings nicht zu erwarten. Zumindest glaube ich aber jetzt, die Ursache für seine Behauptung, es gäbe in Spielen unterschiedlich stöhnende nackte Frauen, die von Decken hängen, gefunden zu haben. In einem Beitrag in “Nervenheilkunde 1/2005” zitiert Spitzer unter der äußerst objektiven Überschrift “Milliarden für Tötungstrainingssoftware” aus der Indizierungsbegründung der damaligen Bundesprüfstelle bwzüglich Duke Nukem:

“Das gnadenlose Abknallen nackter Frauen, die wehrlos an gefesselt an der Decke hängen, finde ich, gelinde gesagt, daneben.”

Dabei handelt es sich wiederum um ein Zitat von Monika Stoschek über das Spiel in PC Player 7/96, dem sich die Bundesprüfstelle anschloß. Es ließe sich einwenden, dass Duke Nukem ein eindeutig parodisierendes Setting besitzt, man keineswegs gezwungen ist, diese von den Aliens gefangenen Frauen zu erschießen und es im übrigen vergleichsweise unwahrscheinlich ist, dass man in Realität in eine entsprechende Situation kommt. Sicher ist zumindest, dass sich Herr Spitzer hier einfach noch ein paar Details dazuerfunden hat, weil er natürlich selbst Duke Nukem noch nie zu Gesicht bekam.

Und endlich habe ich nach langem Suchen wohl auch die Hintergründe der Tabasko-Studie gefunden! Der Mix dieser Drinks als Modell für Aggression, das ebenfalls bereits grundsätzlich kritisiert wird, ist offenbar mehrfach verwendet worden, allerdings habe ich bisher keine Studie entdeckt, die sich tatsächlich mit Video- oder Computerspielen vefasst hatte. Etwas weiter rezipiert wird nur eine Untersuchung, die 30 männlichen Testpersonen die Aufgabe stellt, entweder eine Pistole oder ein Kinderspiel auseinander- und zusammenzusetzen, wobei vor- und nachher ihre Testosteronwerte gemessn wurden. Außerdem gaben sie mehr als das dreifache an “Hot Sauce” in einen Dink für den nächsten Teilnehmer.

Grundsätzlich wird hier u.a. deutlich, warum Spitzers Behauptung, der Zusammenhang zwischen Spielen und Aggression sei ebenso nachgewiesen, wie der zwischen Rauchen und Lungenkrebs, zurückgewiesen werden muss. Sowohl Rauchen als auch Lungenkrebs sind klar definierbare und für alle Studien standardisierte Werte. Auf “gewalthaltige Spiele” und “Aggression” trifft dies in keinste Weise zu. In jeder Studie werden andere Spiele untersucht, deren Auswahl bereits oft kritisch zu sehen ist, da meist spannendere und langweiligere Spiele verglichen werden (bspw. Wolfenstein3D und Myst), der Gewaltgehalt also nicht der einzige Unterschied ist, man diesen demzufolge nicht als einzigen Grund für evtl. gemessene Unterschiede festsetzen kann. Ebenso disparat ist die Lage des Begriffes “Aggression”, gemessen werden so unterschiedliche Dinge wie Hautwiderstand/Herzschlag, Reaktionszeiten auf bestimmte Worte oder Bilder, Selbsteinschätzungen der eigenen Aggressivität, Antworten auf Fragebögen oder eben Drinks.

Spitzer und andere erwecken allerdings den Eindruck, als hätte man in den Studien die Dinge untersucht, die den Anstoß für die Debatten geben, nämlich reale Gewalttaten und kriminelle Akte wie in Emsdetten. Allein eine erhöhte Aggressionsbereitschaft, die im übrigen im Gegensatz zur Annahme, dass Spiele durch die Interaktivität “gefährlicher” als der Passivkonsum seien, UNTER der von Filmen liegt, beweist nicht deren Gefährlichkeit oder entscheidenden Einfluss, da sehr viele Dinge (Sport, Sex) ähnliche Wirkungen hervorrufen und es bisher keine aussagekräftigen Langzeitstudien zu dieser Frage gibt. Dass spannende Spiele, die den Konsumenten eine Stressituation aussetzen, denselben stärker oder anders beeinflussen als andere, ist im Grunde eine Binsenweisheit.

Einwände gegen das Design vieler Untersuchungen interessieren Spitzer, wie man in seinem Artikel sehen kann, genausowenig wie die Ergebnisse anderer Forscher oder eine kritische Überprüfung der eigenen Hypothesen. Stattdessen wird die Debatte ex cathedra für beendet erklärt und objektivere Ansichten und Forscher sind einfach von der “Tötungssoftwareindustrie” gekauft. Eine derartige, mit Halbwahrheiten, pseudowissenschaftlichen Immunisierungsstrategien und gar Verschwörungstheorien gespickte “Argumentationslinie” ist ein wissenschaftiches Armutszeugnis.

Copy kills logic

Die letzten Tage waren geprägt von Dutzenden angekündigter Amokläufe quasi nebenbei fand man auch einen Jugendlichen, der sich mit der Waffe des Großvaters erschoß, vorher als einer der Urheber der ersten Warnung galt und sich für gewalthaltige Computerspiele interessierte. Nachdem sich herausgestellt hat, dass nichts davon stimmte erlosch das Medieninteresse relativ schnell.

Herr Beckstein nahm diese Nachahmungstaten, die vor allem auch durch das Internet verbreitet bzw. angekündigt wurden, zum Anlaß, eine stärkere Überwachung desselben zu fordern. Man glaubt es kaum: er selbst sorgt durch seine schwachsinnige Killerspieldebatte im Verein mit den Medien erst dafür, dass einige Irre auf diese Ideen kommen oder sich einen schlechten Scherz erlauben und nutzt die selbsterzeugte Hysterie zu weiteren Verbotsforderungen. Respekt.

Endlich kann man auch mal ein echtes Opfer der “Killerspiele” vorweisen: ein 19jähriger Cottbuser hatte einen Obdachlosen getötet und sich darauf berufen, dass das Wrestling-Spiel “SmackDown vs. Raw 2006” ihn dazu gebracht hätte. Der Täter, ein arbeitloser alkoholabhängiger Rassist (also quasi ein Mann aus der Mitte der Gesellschaft), aufgewachsen in schwierigen Familienverhältnissen, war zur Tatzeit schwer betrunken und hatte bereits vorher unter Beweis gestellt, dass er unter Alkoholeinfluss gewalttätig werden kann, auch gegenüber anderen Menschen. Am selben Abend hatte er schon durch Tritte einen Fahrscheinautomaten beschädigt, sicherlich ebenso inspiriert durch das Computerspiel “Ticket Machine Bashing Exxxtreme III”.

Um das klar zu sagen: es geht natürlich um irgendeine Rechtfertigung einer solch grausigen Tat, aber selbst den größten Kritikern der Ego-Shooter sollte es angesichts der Lebens- und Vorgeschichte des Täters eigentlich schwer fallen, beim Videospiel tatsächlich eine entscheidende Voraussetzung oder den Auslöser sehen zu wollen. Dass Straftäter entsprechende gesellschaftliche Diskussionen zur Erklärung und Schuldminimierung nutzen, ist wahrlich auch kein neues Phänomen. Mir begegnete im Archiv auch der Fall eines jugendlichen Diebes, der schon 1916 seine Tat damit begründete, dass er zu viele schlechte Bücher gelesen habe, die ihn verführten. Aber im vorliegenden Fall schafft man es auch noch, den denkbar größten Bock zu suchen, den man zum Gärtner machen könnte: Dr. Manfred Spitzer. Dessen arrogant alle Kritiker als Pseudowissenschaftler abkanzelnden Tiraden sind zwar durchaus komisch, wenn er etwa von Spielen phantasiert, in denen nackte Frauen an der Decke hängen, die unterschiedlich stöhnen, je nachdem, auf welche Körperstelle man schießt. Die Vehemenz, mit der Spitzer Unsinn und Halbwahrheiten vertritt, ist atemberaubend. Er behauptet, dass man einen Zusammenhang zwischen Gewaltspielen und realer Gewalt bewiesen habe (unwahr), dass Medienkompetenz für Kinder unnütz sei (falsch, siehe u.a. Finnland), dass die Wirkung von Fernsehwerbung ein passender Vergleich wäre (sie zeigt gerade, dass es keine Automatismen gibt und ist auch sonst nicht gleichzusetzen) und dass man Aggressivität offenbar am besten in Tabascoeinheiten messen kann (kein Kommentar). Im letzten, besonders abstrusen Kapitel seines Buches “Vorsicht Bildschirm” enttarnt er übrigens auch die wahren Verantwortlichen für den Irakkrieg und die US-Außenpolitik: die Videospiele. Offenbar waren es die 19jährigen GIs, die auf dem Einsatz bestanden haben.

Man darf gespannt sein, was das Gutachten ans Tageslicht bringt…

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